3 Fragen an... | Digital Innovation

Digitalisiert auf Teufel komm raus? Wann 360°-Kamera und 3D-Modelle wirklich etwas bringen – 3 Fragen an Stephan Leimbach, Anna Hippler und Kai Zimprich

Erst waren es Broschüren mit Zeichnungen, dann 3D-Visualisierungen, dann Google Street View – mit jeder technischen Innovation fiel es Immobilien-Interessenten leichter, sich eine Projektentwicklung oder einen leeren Büroraum fertig entwickelt und zum Teil sogar eingerichtet vorzustellen.

Heute bieten innovative Technologien wie 3D-Modellierung, Virtual Reality (VR) und Augmented Reality (AR) die Möglichkeit, trotz räumlicher Distanz von jedem Punkt der Welt nicht nur eine Immobilie vollumfänglich digital zu besichtigen, sondern z. B. die zukünftige Büroflächenplanung mitzugestalten, um sie im Anschluss mit Hilfe von 3D-Brillen direkt besichtigen zu können.

JLL ist bereits eingestiegen, nutzt 3D-Technologien für Pitches und Immobilienvermarktung genauso wie für eine schnellere und flexiblere Ausbauplanung und setzt dabei VR-Brillen sowie 360°-Kameras ein. Zeit, die ersten Erfahrungswerte zu hinterfragen. Welche Mehrwerte bringen 3D-Technologien wie VR oder flexible 3D-Modelle für den Kunden? Reicht es, einfach ein paar Kameras oder Brillen zu kaufen und die Digitalisierung auf der ToDo-Liste abzuhaken? Und welche Weichen müssen Immobilien-Unternehmen stellen, um erfolgreich technische Innovationen in Mehrwerte für die Kunden oder Mitarbeiter umzuwandeln?

Stephan Leimbach, Head of Office Leasing Germany, Anna Hippler, Team Leader Digital Operations Germany, und Kai Zimprich, Head of Digital Services Germany, blicken tiefer. 3 Experten – 3 Fragen – 3 Antworten:

Der Blick in die Praxis – bringt die Nutzung von 3D-Modellen und virtuellen Besichtigungstouren für Vermarktung und Besichtigung mehr Erfolg in Richtung Abschluss?

Stephan Leimbach: „Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte“. Virtuelle Besichtigungen, 3D-Grundrissmodelle und die VR-Brille zur Schaffung räumlicher Bilder sind die Weiterentwicklung dieser Erkenntnis.

Architekten können sich allein auf Basis eines Grundrissplans recht gut vorstellen, wie ein Büro später aussieht. Durch Verwendung von 3D-Modellen und -Brillen werden die Flächen für jeden Büronutzer schon vorab räumlich erlebbar. Daher setzen wir bereits heute flexible 3D-Grundrissmodelle von Bestandsimmobilien oder Immobilienprojekten vor allem für Diskussionen mit Mietern zur Gestaltung der zukünftigen Arbeitswelt in Echtzeit ein.

Unsere Makler verwenden zudem 360°-Kameras, um virtuelle Touren von Bestandsimmobilien im Innen- als auch Außenbereich zu erstellen. Entsprechend ihrer Bedarfsprofile stellen wir unseren Kunden auf Nutzerseite diese Touren zur Verfügung, sodass sie sich im ersten Schritt einen grundsätzlichen Eindruck von der Bürosituation vor Ort machen können, ohne selbst vor Ort zu sein. Das spart den Kunden viel Zeit und macht den Entscheidungsfindungsprozess effizienter. Diejenigen Gebäude, die in die engere Auswahl kommen, werden natürlich weiterhin „live“ besichtigt. Die Bereitstellung von virtuellen Besichtigungstouren erfreut aber nicht nur den potentiellen Mieter, sondern auch den Vermieter, da sie ein effektives digitales Marketinginstrument sind.

Für uns stellen virtuelle Touren, flexible 3D-Grundrissmodelle, Virtual Reality und damit verbunden die Verwendung von 3D-Brillen bereits heute Dienstleistungs-Standards dar. Um die Mehrwerte für unsere Kunden weiter zu erhöhen, werden wir ab sofort auch auf unserer eigenen Onlineplattform mehr und mehr virtuelle Besichtigungstouren sowie 3D-Modelle bereitstellen.

Geräte kaufen, den Maklern in die Hand drücken und fertig – so einfach ist das sicher nicht. Wann wird das Nutzen ein Erfolg?

Anna Hippler: Mittlerweile gibt es sehr viele Anbieter im Markt, die zum Teil ganz unterschiedliche Lösungen in diesem Bereich anbieten. Daher muss zunächst genau sondiert werden, welche Technik und Tools den oder die Business Cases bestmöglich unterstützen. Die Frage ist hierbei nicht zwangsläufig, was am günstigsten ist, sondern was sich am optimalsten in bestehende Geschäftsprozesse integrieren lässt. Denn zum Teil müssen eben genau diese Geschäftsprozesse auch angepasst und effizienter gestaltet werden.

Hierin liegt auch die eigentliche Herausforderung. Denn der Erfolg von Digitalisierungsprojekten ist zum Großteil abhängig von einem guten Change Management. Die schiere Nutzung von digitalen Tools heißt noch lange nicht, dass wir gemeinsam in die richtige Richtung gehen oder das Richtige umsetzen. Klar definierte Prozesse, Schulungen, aber auch die Maintenance, also Fragen im Umgang mit Kamera und Applikation, müssen jederzeit beantwortet werden können. Dies ist bei zwölf Niederlassungen und derzeit 38 Teams, die beispielsweise 360°-Rundgänge erstellen, Tendenz steigend, eine Herausforderung in sich. Man kann das ein bisschen mit einer Schulkasse vergleichen: Nicht alle sind gleich affin in Sachen digitale Produkte und so muss zunächst sowohl auf Prozessebene als auch operativ der kleinste gemeinsame Nenner gefunden werden, um den Erfolg in der Umsetzung am Ende garantieren zu können. Und genau in diesem ersten Findungsprozess zeigt sich sehr schnell, dass nicht jeder Trend auch sinnvoll innerhalb eines Unternehmens umgesetzt werden kann oder vielmehr sollte.

Wie muss ein Unternehmen aufgestellt sein, um mit innovativen Technologien Mehrwerte zu schaffen?

Kai Zimprich: Sollen innovative Technologien zum Einsatz kommen, so muss sich ein Unternehmen operativ so aufstellen, dass es den sich stetig ändernden Kundenbedarfen gerecht werden kann. Strategisch muss stets das Ziel verfolgt werden, abteilungsübergreifende und damit unternehmensweite Mehrwerte durch Verwendung innovativer technischer Lösungen oder Produkte zu schaffen.

Nehmen wir als Beispiel 3D-Grundrissmodelle. Sie unterstützen bei Akquise und Property Marketing. Und beschleunigen gleichzeitig die initiale Planungsphase. Zukünftig ist davon auszugehen, dass aufgrund heute nicht existenter Daten Flächenplanungen automatisch erstellt werden können, die z. B. explizit für Steuerberatungsunternehmen die optimale Belegungsplanung inklusive Möblierung enthalten und gleichzeitig alle Details zur Lärmminimierung berücksichtigen.

Das Beispiel zeigt, dass 3D-Modelle für jeden einzelnen Teil der Wertschöpfungskette einen Vorteil schafft. Der größte Mehrwert aber wird erst dann generiert, wenn besagtes Modell als Verbindungsglied zwischen den Einzeldisziplinen dienen. Übrigens nicht nur für das Unternehmen, sondern auch für den Kunden, für den nach der Anmietung logischerweise die Belegungs- bzw. Ausbauplanung ansteht.

Unternehmerisch macht es keinen Sinn, neue Technologien nur für einzelne Bereiche einzusetzen oder gar Bereiche durch den Einsatz von Technologien voneinander abzugrenzen. Die Aufgabe einer Digitalstrategie als Teil der Unternehmensstrategie ist es, mit einem technologischen Ansatz überreifend neue Produkte und Dienstleistungen zu ermöglichen, und dadurch verbindend zwischen Unternehmensbereichen und dem Kunden zu agieren.


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