3 Fragen an...

Sollten jetzt auch die großen Konzerne ihre Belegschaft in Coworking-Büros setzen?

Morgens. 08.30 Uhr. Hamburg. Steinstraße. Noch ist nicht viel los im Beehive, einer der Coworking-Flächen des Investors alstria office REIT AG. Gerade röhrt die Espressomaschine zum ersten Mal an diesem Tag und Marten hat es sich in einem Ohrensessel bequem gemacht, um mit aufgeklapptem Laptop auf den Knien die ersten E-Mails zu checken. Der Grafiker kommt eigentlich aus den Niederlanden, aber hat jetzt auch seine ersten deutschen Kunden akquiriert und möchte da „weiter dran bleiben“. Ein „Coworking-Zuhause“ wie das Beehive komme ihm da gerade recht. Da kann man sich schnell mal einbuchen und zwischen den Terminen noch richtig was wegarbeiten. Langsam wird’s lebendiger. Am anderen Ende der Fläche – in der offenen Meeting-Zone mit langer Besprechungstafel – versammelt sich gerade eine Gruppe freier Journalisten, die sich hier zum Austausch verabredet hat. Ein Kommen und Gehen. Flexibel eben.

Flexible Office Space – oder wie es hierzulande auch gerne genannt wird: Coworking – assoziieren wir genau so: Mit jungen Freelancern oder einer kleinen Gruppe Startupper, die noch kein eigenes Büro brauchen oder sich langfristig erstmal keins leisten wollen und vor allem auf Inspiration im lockeren Austausch mit den anderen Coworkern setzen.

Aber das stimmt so nicht mehr. Auch viele große Unternehmen haben begonnen, das klassische Büromodell zu überdenken und Teile ihrer Belegschaft in flexibleren Raumangeboten unterzubringen. Laut eigener Aussagen könnte der Anteil flexibler Flächen am Gesamt-Unternehmensportfolio bis 2030 auf mindestens 5, in manchen Unternehmen sogar bis zu 30 Prozent steigen.

Was versprechen sich Unternehmen davon? Wie passt Coworking in das etablierte Portfolio am jeweiligen Standort? Und geht es künftig überhaupt noch ohne? Oder ist der Hype bald wieder Geschichte? Marc Mauscherning, Regional Director Corporate Solutions JLL Germany, blickt tiefer. 3 Fragen – 3 Antworten:

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Marc Mauscherning, Regional Director Corporate Solutions, JLL Germany
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Warum reichen die eigenen und traditionellen Büros nicht mehr?

Das traditionelle, angemietete oder im Eigentum befindliche Büro wird auf absehbare Zeit nicht verschwinden, aber es wird um weitere, neue Möglichkeiten ergänzt. So bieten Coworking-Modelle, oder allgemeiner Flexible Office Spaces, für Unternehmen spannende Lösungen für aktuelle Herausforderungen. Sich rasch entwickelnde Technologien verändern die Struktur der Wirtschaft. Neue Geschäftsmodelle erleben einen rasanten Aufstieg. Und mit ihnen wachsen auch die Herausforderungen für die traditionelleren Unternehmen: Flexibilität, Agilität und Innovationsfähigkeit werden immer wichtiger, um im aktuellen und künftigen Marktumfeld weiter wettbewerbsfähig zu bleiben. Diesen Anforderungen werden traditionelle Mietflächen mit 3 bis 5, manchmal sogar 10 Jahren Laufzeit nicht mehr gerecht.

Und genau hierauf zahlen Flexible Office Spaces ein. Dank des Angebots an kurzfristig verfügbaren Flächen können Unternehmen schnell agieren, wenn sie für temporäre Projekte zusätzliche Büros benötigen oder einen neuen Markt oder Standort erschließen. Hinzu kommt, dass sich Unternehmen auch mit Blick auf ihre Mitarbeiterschaft flexibler und fließender aufstellen. So werden teilweise ganze Teams projektabhängig auf und abgebaut. Stichwort Gig Economy. Neue Produkte werden nicht mehr nur selber entwickelt, sondern auch Konzerne nutzen verstärkt Know how und Ressourcen von Experten außerhalb. So verschwimmen die Grenzen zwischen eigenem, bzw. festem Mitarbeiter und Freelancer, bzw. Externen. Genau so, wie man es in eben auch in einem Coworking Space antrifft.

Neben der Flexibilität haben sich die modernen Coworking-Anbieter auch sehr stark dem Design, dem „Hipness Faktor“ und dem Thema Community Building verschrieben. Das heißt, eine Nutzung von Flächen bei einem der jungen Anbieter ist nicht nur flexibel – das gab es in der Vergangenheit auch schon im „Bürocenter“ – sondern vor allem auch „anders“. So nutzen Unternehmen diese Flächen z.B. mit kleinen Teams aus den Bereichen Marketing, Technologie, New Media und anderen kreativen Bereichen. Hier trifft dann Flexibilität auf Lifestyle und Community. In seiner reinen Form scheint dies aktuell jedoch noch kein Modell für die breite Masse der Büroarbeitsplätze zu sein.

Aber muss flexibel und modern arbeiten immer extern sein? Oder kann man die Vorteile von Coworking auch intern im eigenen Konzern nutzen?

Ja, Unternehmen holen sich gerne eine „gezähmte“ Variante ins Haus und übernehmen vor allem Gestaltungsideen und Raumstrukturen. Das reicht von der spontanen Treff-Couch oder Denk-Bar in jedem Teambereich über räumliche Think Tanks und Cubes bis hin zu Kreativ-Laboren und neuesten Technologien, die die verbale Kommunikation über Grenzen hinweg verbessern sollen. Diese Kommunikation soll aber bewusst im Unternehmen bleiben und nicht direkt wie in einem echten Coworking möglich mit Wettbewerbern geteilt werden.

Insgesamt rückt der Mensch wieder mehr in den Vordergrund in der Bürogestaltung. Es geht um Aspekte wie Aufenthaltsqualität, Inspiration und größere Wahlmöglichkeiten des Arbeitsplatzes. Dies gilt sowohl im Büro – vom Einzelbüro, Teamzone, Arena bis zum Meetingraum – als auch außerhalb im Home Office, in der Bahnlounge, im Café oder eben im Coworking Space, die gleichberechtigt als alternative Arbeitsorte zur Verfügung stehen.

Auch der Wohlfühlfaktor spielt eine große Rolle in Coworking-Büros. Der kommt nicht nur über Räumliches und cooles Design, sondern vom mit dem Angebot mitgelieferten Gefühl der Flexibilität, Unabhängigkeit, des Kreative-Freiräume-Habens und sich Verwirklichens. Und genau das kann man intern auch fördern – durch eine neue oder zumindest angepasste Arbeitskultur. Flexible Arbeitszeiten, neue Karrieremodelle, Förderung von ortsunabhängigem Arbeiten, Weiterbildung und Innovationsprojekte sind nur einige Beispiele dafür, die ganz unabhängig von Betreiber-Angeboten angegangen werden können.

Und andersherum gedacht: Kann es Sinn machen, auch selbst zum Coworking-Anbieter für andere zu werden?

Ansätze dazu gibt es und verschiedene Unternehmen experimentieren damit, doch gibt es auch eine Reihe von Hindernissen, die dem Ansatz im Wege stehen. Das fängt schon mit der Frage an „wen lasse ich in mein Gebäude“ oder gar in meine eigene Fläche? Lassen dies meine Sicherheitsstandards überhaupt zu?  Und habe ich die internen Ressourcen, mich um die Suche nach Mietern, deren Abrechnung und die tägliche Administration von Zugangskarten zu kümmern?

Spannend wird es, wenn sich Unternehmen mit Betreibern oder Dienstleistern zusammentun, um für beide Seiten das Beste aus der Situation zu machen. Um zum Beispiel den schwankenden, aber dennoch langfristigen Flächenbedarf des Unternehmens und die Expertise für Betrieb und vor allem auch Vermietung eines Flexible Office zusammenzubringen. Dabei können dann in einem Gebäude Bereiche der permanenten und temporären – aber dennoch exklusiv genutzten Bereichen durch das Unternehmen – neben den „öffentlichen“ Flächen eines Coworking Konzeptes stehen. Erste Ansätze versuchen sogar, noch weiter zu gehen und diese Lösungen nicht nur auf ein Gebäude zu beschränken, sondern durch eine Kooperation die Flexibilität des gesamten Portfolios zu erhöhen.

 


 

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