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Von Immobiliendaten-Chips und Fenstern, die Strom machen – ein MIPIM-Rückblick. 3 Fragen an Timo Tschammler

Urbanität, Nachhaltigkeit und Proptech – das waren die Leitthemen, die sich die diesjährige MIPIM im sonnig-strahlenden Cannes auf die Fahnen geschrieben hatte. Da wurde über die Vernetzung von und in Städten diskutiert. Und über Fenster, die Licht in Elektrikzität verwandeln. Die Daumennagel-großen Sensorchips von Disruptive Technologies, die permanent und punktgenau Immobiliendaten erheben, haben die Startup Competition gewonnen. Und Paris bekommt jetzt ein eigenes MIPIM Proptech-Event.

Die immer größere Relevanz all dieser Trends war während der Messetage deutlich zu spüren. Wie war die allgemeine Stimmung? Haben Proptech & Co. die Immobilienwirtschaft bereits verändert? Und lässt der Hype ums Digitale Diskussionen zu aktuellen Marktentwicklungen wie Renditekompression und Zinswende in den Hintergrund rücken? Timo Tschammler, CEO JLL Germany, blickt tiefer und zurück auf die MIPIM 2018.

Wie war die Stimmung auf der MIPIM 2018?

Timo Tschammler MIPIM 2018 Fazit

Timo Tschammler – CEO JLL Deutschland

Der Marktverlauf in den letzten Jahren wie auch unmittelbar vergangenen Monaten lässt die Antwort eigentlich schon erahnen: Die Stimmung der Anleger wie auch der gesamten Branche ist positiv. Keine Partystimmung, aber eine angenehme Gelassenheit. Die sicher auch daher rührt, dass man in der nächsten Zeit – zumindest gemessen an den ersten 10 Wochen des Jahres – wieder mehr Produkt auf dem Markt erwartet. Hinzu kommt, dass die Anleger auch einer möglichen Zinswende derzeit gelassen entgegenblicken. Allgemein geht die Branche von einem sanften und langsam verlaufenden Anstieg aus. Ähnlich sieht es mit Blick auf die Politik aus. Die Wahlen, vor allem hierzulande, sind durch. Signifikante Umwälzungen nicht zu erwarten. Die allgemeine Unsicherheit angesichts politischer und auch wirtschaftlicher Entwicklungen nicht nur in Europa sondern in allen Teilen der Welt ist mittlerweile Normalität geworden und erschüttert derzeit weder Investoren noch die Märkte. Generell ist die Brache also entspannt und blickt auch gerade deshalb umso neugieriger und auch zunehmend offener auf die Veränderungen und neuen Möglichkeiten, die Digitalisierung und Smart Data mit sich bringen werden – und auch schon mit sich gebracht haben.

Blockchain, E-Mobilität, Proptech – mit zahlreichen Ausstellern, Vorträgen und Aktionen waren die digitalen Zukunftsthemen deutlich vertreten. Wie haben die neuen Möglichkeiten und Tech-Startups die Immobilienbranche bereits verändert? Was kommt hier 2018 und darüber hinaus auf Investoren zu?

Die Digitalisierung hat längst spürbare Veränderungen in allen Bereichen der Immobilienbranche gebracht. Die Smart Home Technologie zieht in unsere Heime ein und Virtual Reality wird immer breiter eingesetzt und sinnvoll und verkaufsunterstützend genutzt. Ein Großteil der Vermietungstransaktionen vom Büroraum bis zur Industriehalle nehmen mittlerweile online ihren Ausgang. Software und Sensoren ermöglichen es, Daten zu Gebäudenutzungen und -auslastung zu generieren. Building Information Modelling ist fast zum Standard bei Projektplanungen geworden. Tools, die Echtzeitdaten und Passantenströme zeigen, erleichtern die Entscheidung für die Eröffnung eines Ladengeschäfts.

Und gerade auf einer Messe wie der MIPIM, die großen Fokus auf Startups der Branche legt, wird einmal mehr sichtbar, was uns noch erwartet in Sachen Big Data und Co. Besonders interessant sind hier natürlich Entwicklungen wie kleine Sensorchips, die ohne großen Installationsaufwand Gebäudenutzungsdaten liefern oder Fenster, die Energie erzeugen. Weniger aufmerksamkeitsstark, aber dadurch nicht weniger interessant, sind Technologielösungen, die die Auswertung von Daten, Verwaltung von Portfolios sowie Interaktion und Kommunikation vereinfachen.

Genau dem haben wir uns bereits vor einiger Zeit verschrieben. Wir sehen schon lange eine „Konsumerisierung“ von Immobilien. Unsere Kunden erwarten reibungslose Interaktion und transparente Auswertung und Analyse von Daten. Dem tragen wir proaktiv Rechnung und investieren gezielt in Technologien, die eine bessere Plattform für eine noch bessere Kundeninteraktion schaffen. Auch intern stellen wir unsere Prozesse entsprechend um und führen beispielsweise noch in diesem Jahr ein neues Software-System ein, um unseren CRM-Ansatz global digitalisierungsfit zu machen.

Generell sind alle Akteure der Branche gut beraten, den Neuerungen mit Offenheit gegenüber zu stehen – auch mit Blick auf die neue PropTech-„Konkurrenz“. Gerade hier ergeben sich viele Möglichkeiten des voneinander Lernens und miteinander Kooperierens. Erst im letzten Jahr sind wir hier mit „JLL Spark“ neue Wege gegangen und identifizieren über diese neu gegründete Sparte technologische Serviceangebote und entwickeln eigene Produkte, um sie unseren Kunden dann zur Verfügung zu stellen. In Europa konzentrieren wir uns in der Rolle eines strategischen Investors vor allem auf die Kooperation mit vielversprechenden Startups. Erste Investitionen über Concrete sind bereits in die Workspace-Plattform HubbleHQ, die Sensorik-Firma Opensensors.io und den Entwickler von künstlicher Intelligenz Beagle.ai geflossen. Im Gegenzug erfahren wir Unterstützung mit Blick auf unsere eigene digitale Transformation.

Wo Digitalisierung, Disruption und Smart City so in den Vordergrund rücken, ist oft wenig Platz für andere Themen des Marktes, wie z.B. die aktuell anhaltende Renditekompression. Sollten auch die traditionellen Diskussionen aufmerksamkeitsstärker geführt werden?

Dass auf einer Messe wie der MIPIM – vor allem auch im medialen Echo – Themen und Projekte wie Smart City oder Mikro-Datensensoren große Aufmerksamkeit bekommen, ist klar. Das ist immer spannend und birgt neue Möglichkeiten, die das Investieren in und Wirtschaften mit Immobilien noch effektiver machen werden. Dennoch kann nicht die Rede davon sein, dass aktuelle Marktthemen an Relevanz und Diskussionspotenzial verlieren – auch nicht auf der diesjährigen Messe.

Da ist zum einen der Brexit, über den ich in den vergangenen Tagen mehrere Gespräche geführt habe. Fast zwei Jahre nach der Abstimmung ist immer noch unklar, welchen politischen Weg Großbritannien gehen wird. Die Immobilienwirtschaft ist da längst einen Schritt weiter: London ist wieder das weltweite Top-Ziel der Investoren und von einer Brexit-Flucht nach Frankfurt kann kaum die Rede sein – auch ein Punkt, der oft Gesprächsthema war und ist. Fünf Anmietungen und insgesamt 28.000 Quadratmeter mit Brexit-Bezug verzeichnen wir bislang in Frankfurt. Im Gesamtjahr 2017 machten „Brexit-Anmietungen“ somit nicht einmal drei Prozent des gesamten Umsatzvolumens der Main-Metropole aus.

Ebenso im Fokus steht die erwartete Zinswende: Und da lassen wir uns von unserer selektiven Erinnerung täuschen. Wir haben allein die 4 bis 5 Prozent im Kopf, die es vor der Finanzkrise waren. Aber beim längerfristigen Blick zurück fällt auf, dass der durchschnittliche Leitzins in den letzten ca. 45 Jahren deutlich weniger betrug, nämlich 3,6 Prozent. Ja, die Zinsen werden mittel- und langfristig wieder auf ein Normalmaß steigen. Aber das aus unserer Sicht ist kein Grund für Hysterie und Panik.

Auch die US-Wirtschaft hat für reichlich Messe-Gesprächsstoff gesorgt. Hier hat jüngst vor allem die Inflationsrate eine gewisse Unruhe unter Anlegern entstehen lassen. Die Rate liegt aktuell bei 2,1 Prozent, in Deutschland bei 1,4 Prozent.

Aber: Sind 2,1 Prozent bzw. 1,4 Prozent Inflation bei der sonstigen Wirtschaftslage ein Grund zur Panik? Oder sind wir mit Optimismus, Augenmaß und Gelassenheit besser beraten? Langfristig erfolgreich ist vor allem, wer der Hysterie auf einem volatilen Markt sowie dem Herdenverhalten widerstehen kann. Und da dürfen spannende Digitalisierungsthemen gerne in den Vordergrund treten.

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