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Zukunftsbranche Luftfracht – hinken Prozesse & Immobilien international bald hinterher? 3 Fragen – 3 Antworten

Was die Berliner Morgenpost mit der deutschen Luftfracht-Branche zu tun hat? Auf jeden Fall mehr als nur eine Schlagzeile. Am 19. August 1911, vor fast genau 107 Jahren, waren frisch gedruckte Exemplare der Zeitung die erste „Ware“, die in einem Flugzeug von deutschem Boden abhob, das nichts anderes als Fracht an geladen hatte. Die Strecke bis Frankfurt an der Oder war zwar nicht wirklich lang, aber dennoch gilt der kurze Flug als Geburtsstunde der deutschen Luftfracht. Die heute boomt und aufgrund des immens gewachsenen Warenstroms immer größere Flugzeugbäuche braucht. Aktuelles non plus Ultra der Branche: Der Boeing „Dreamlifter“ mit einem Frachtvolumen von mehr als 1.800 Kubikmetern Fassungsvermögen.

Ohne die Luftfracht wären reibungslos und zeitlich lohnende globale Supply Chains undenkbar. Das überproportional wachsende E-Commerce Geschäft sorgt weiter für ein rasantes Wachstum der Branche. Ein Ende des Booms? Derzeit nicht in Sicht. Aber so ein Wachstum bringt auch immer besondere Herausforderungen und Risiken mit sich. Passen die „alten“ Logistik-Prozesse und IT-Systeme noch zur rasanten Entwicklung? Wie müssen ich die – schon vorhandenen – aber auch neu geplanten Cargo-Immobilien anpassen? Und kann die deutsche Luftfracht-Branche mit dem vor allem digital begründeten internationalen Fortschritt mithalten? Prof. Dr. Christopher W. Stoller, Präsident des ACD (Aircargo Club Deutschland), blickt tiefer in die aktuelle und künftige Situation der Branche. 3 Fragen – 3 Antworten.

In welchem Zustand befindet sich der nationale Luftfracht-Markt im internationalen Vergleich?

Im internationalen Vergleich steht der deutsche Markt – noch – gut dar. Vor allem das Luftdrehkreuz Frankfurt steht wie kein anderer Standort für eine gesunde Entwicklung der gesamten Luftfrachtbranche. Die neue Bundesregierung hat jedoch Leipzig nunmehr in den Fokus gestellt. Eine aktive Förderung durch die Politik – das sind auf jeden Fall auch für die weitere Entwicklung gute Voraussetzungen.
Doch muss die Branche hierzulande die Entwicklungen gerade in den angrenzenden Staaten genau beobachten. Oft wird Fracht aus Deutschland abgezogen und per LKW ins Ausland gebracht, um sie von dort aus zu fliegen. Hierbei spielt der Preiskampf natürlich eine entscheidende Rolle. Wer entsprechende Aufträge im Land halten will, muss vor allem hier ansetzen – wenn möglich, an der Preisschraube drehen oder noch bestechendere Vorteile und Services anbieten.

Ebenso genau – wenn nicht noch einen Tick genauer – sollte man auf die Logistik-Entwicklungen im asiatischen Raum schauen. Dort scheint die Digitalisierung weit vorangeschritten sein. Vor allem der E-Commerce-Markt – siehe Ali Baba und Co. – ist dort bereits ein riesiger und weiterhin stark wachsender Konsumentenmarkt, der auch neue, schnellere Lösungen hinsichtlich der Supply Chain, auch per Luft, erfordert. Und wir hinken da eindeutig hinterher.

In diesem Sinne fordern Sie bereits seit Längerem eine einheitliche digitale Plattform für die Luftfrachtbranche. Inwieweit bringt das Fortschritt und was sind derzeit die größten Herausforderungen der Branche?

Die größten künftigen und auch aktuellen Herausforderungen bringen ganz klar die neuen Impulse aus der Logistik 4.0 mit sich. Digitalisierung, Automatisierung, Robotik, Internet of Things – all das wird Einzug in die Luftfracht finden. So spannend wie das klingt, wirft es eben auch grundlegende Fragen auf, die nicht nur geklärt, sondern auch einheitlich klar geregelt werden müssen. Welche neuen gesetzlichen Bestimmungen bringt das mit sich? Wie verändert sich die Arbeitskräftestruktur? Welche neuen Jobanforderungen entstehen? Und ganz wichtig: Wo finde ich die entsprechenden Fachkräfte mit Digital-Knowhow?

Doch noch bevor Technologien wie Robotik flächendeckend auf unsere Branche zukommen, brauchen wir einheitliche Strukturen. Die Luftfrachtkette setzt sich aktuell noch aus viel zu vielen Teilprozessen zusammen. Es muss ein Gesamtprozess her, dem sich die einzelnen Schritte – digital – anpassen können. Das heißt: einvernehmliche Lösungen mit allen beteiligten Akteuren finden.

Eine weitere Herausforderung stellen auch die branchenspezifischen Logistikliegenschaften dar. Was benötigt die klassische Cargo-Immobilie, um zukunftsfähig zu sein?

Nach wie vor wird in erster Linie natürlich der Standortfaktor „Nähe zum Flughafen“ zählen. Je näher dran, desto flexibler kann ich auf Bestellungen globaler Kunden reagieren. Angesichts des Wachstums der globalen Warenströme muss sich auch hier die Zusammenarbeit zwischen Branchenvertretern, Flughafenbetreiber und öffentlicher Hand weiter intensivieren – vor allem, um Flächenpotenziale zur Verfügung zu stellen und entsprechende Zufahrts-Infrastruktur zu schaffen und sicherzustellen.

Flächenknappheit ist generell – und ja auch nicht nur in der Luftfahrt- und Logistikbranche – eine Herausforderung. Hier sind auch die Entwickler gefragt, neue Wege zu gehen. Bereits heute sind beispielsweise in Asien Logistikimmobilien mit mehreren Stockwerken durchaus üblich.

Zudem muss die Liegenschaft zunehmenden regulatorischen Anforderungen genügen – Stichwort: Luftsicherheit nach den Bestimmungen des Luftfahrt-Bundesamtes. Ob Aufbau der Räumlichkeiten, Zugangscode-Systeme oder Alarmanlagen – die entsprechende Immobilie des Luftfrachtversenders muss so ausgestattet sein, dass die Ware ausreichend vor unbefugtem Zugriff oder Manipulationen geschützt wird.

Herr Stoller, vielen Dank für das Gespräch!


Prof. Dr. Christopher W. Stoller, Präsident des ACD (Aircargo Club Deutschland)

Seit seiner Gründung 1963 engagiert sich der Aircargo Club Deutschland für die Förderung des Luftfrachtverkehrs in Deutschland. Eine große Anzahl an Unternehmensvertretern mit internationaler und deutschlandweiter Verantwortung nutzen die Interessens- und Diskussionsplattform für einen branchenspezifischen Gedankenaustausch. Mitglieder sind Vertreter der an der Luftfrachtkette beteiligten Akteure, also Luftfrachtgesellschaften, Spediteure und Ground Handler. Ebenso hat der ACD Mitglieder aus der Verladerschaft und der Wissenschaft.

 

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