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Das Dreischeibenhaus: Architektonischer Phönix an der Nördlichen Düssel

Die Augen folgen gern dem Schwung des Kö-Bogens, den schwimmenden Enten auf der Nördlichen Düssel und dem Grün des Hofgartens, bis sich der staunende, vom Jan-Wellem-Platz oder vom Steigenberger Parkhotel nach Nordosten gewandte Blick in seinem Fluchtpunkt der imposanten Silhouette eines Hochhauses öffnet. In dessen Fassade aus Glas, Stahl und Aluminium spielen bei schönem Wetter die Strahlen einer im Tageslauf mit sich selbst beschäftigten Sonne, die glänzenden Ergebnisse dieses Spiels bis auf die Terrasse des Steigenberger zurückreflektierend und die dort sitzenden Gäste erfreuend.

Fortune, Mut, stadtplanerisches und architektonisches Können schufen, auch gegen quasi obligatorische Kritik, der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt ein meisterlich solitäres Ensemble, aus Gebäuden verschiedener Epochen zu einer grandiosen Symphonie eines gelungenen Eklektizismus komponiert, mit einem erhabenen, alles überragenden Finale, dem „Dreischeibenhaus“. Der sperrige Name symbolisiert zwar nichts anderes als die strukturelle Anatomie des Gebäudes, wird aber genau in dieser schlichten Reduktion auf Wesentliches zur stilbildenden Marke überzeugender Sachlichkeit: Drei gegeneinander versetzte Scheiben wurden als himmelwärts strebende Baukörper durch eine Stahlkonstruktion zu einer spektakulären Einheit miteinander verbunden.

Ikone deutscher Nachkriegsmoderne

Der Bauherr und frühere Eigentümer selbst hat sich für alle Zeiten in dieser 94 Meter in die Höhe ragenden Ikone deutscher Nachkriegsmoderne verewigt. Die für die Tragkonstruktion erforderlichen Stahlrohre nämlich hatte die Thyssen AG geliefert, die dort bis zu ihrer Fusion mit Krupp kurz vor der Jahrtausendwende auch ihren Verwaltungs- und Firmensitz innehatte, einen epochalen Ausschnitt deutscher Wirtschaftsgeschichte im damals sogenannten „Thyssen-Hochhaus“ konzentrierend – von den späten Tagen der Stahlindustrie unter dem Vorstandsvorsitz von Hans-Günther Sohl bis hin zum letzten Thyssen-Vorsitzenden Dieter H. Vogel, der aus seinem Büro im obersten Stockwerk des Gebäudes nicht nur über den Rhein und ins weite Land blickte, sondern auch durch branchenübergreifende, zukunftsweisende Kongresse und einflussreiche Forschungsprojekte Zeichen setzte. Wissenschaftler unterschiedlichster Fakultäten gaben sich zu Vogels Zeit im Thyssen-Hochhaus die Klinke in die Hand, die Türen weit öffnend zum Beispiel für ein über die Stadt- und Landesgrenzen hinaus vielbeachtetes Symposium im Oktober 1996 unter der Schirmherrschaft des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl mit dem epochalen Titel „Die Informationsgesellschaft im neuen Jahrtausend“.

Nichts Geringeres als die Digitalisierung stand schon damals auf dem Prüfstand kritischer Expertise von internationalen Forscher-Koryphäen wie Johan Galtung, Neil Postman oder Clifford Stoll. Im Prospekt des Symposiums hieß es: „Die Industriegesellschaft wandelt sich an der Schwelle zum neuen Jahrtausend weltweit in eine Informationsgesellschaft. Wie werden sich die menschliche Persönlichkeit, das demokratische Gemeinwesen, Wirtschaft, Gesellschaft, das Bildungswesen, Konsum- und Freizeitverhalten unter diesen neuen Gegebenheiten verändern und weiterentwickeln?“ Die damals im Thyssen-Hochhaus thematisierten und auf den Weg in den Veranstaltungsort, den Industrieclub, gebrachten Fragen sind auch heute noch von überragender Relevanz und noch immer nicht abschließend beantwortet. Im Gegenteil. Der Skandal um den Datenmissbrauch bei Facebook zeigt unerbittlich systemische Schwächen und dadurch mögliches menschliches Fehlverhalten auf.

Aber die Digitalisierung unserer so und nicht anders gewordenen Wirklichkeit geht weiter. Weitestgehend unkontrolliert und größtenteils ausschließlich ökonomischen Interessen folgend. Im Zuge dieser unaufhaltsamen Entwicklung ist das Thyssen-Hochhaus selbst auf jeden Fall im digitalen Heute angekommen. Zumindest an die im Jahr 1961 im Erdgeschoss installierte, zur damaligen Zeit hochmoderne Datenverarbeitungs- und Telefonanlage IBM 7070 vermag sich heute kaum mehr jemand zu erinnern. Nach dem umfassenden Refurbishment des Gebäudes befindet sich seit 2015 an Ort und Stelle des frühen Monumental-Computers das Restaurant „Phönix“.

Der Name des Restaurants symbolisiert das Programm eines zeitlos einzigartigen Projekts und markiert nicht zuletzt Finale, Übergang und Neustart eines Hochhauses in einem – mit dem Wegzug der ehemaligen Stahlgiganten Thyssen und Krupp Mitte 2010 von Düsseldorf nach Essen dokumentiert wurde gleichzeitig das Ende einer deutschen Dynasten-Historie einerseits, andererseits der Anfang einer alleinstellenden Immobilien-Geschichte, deren mythische Dimension durch die Hervorhebung der bahnbrechenden Relevanz dieses an den Wolken kratzenden Monuments skulpturengleicher Architektonik bereits Helmut Jahn auf den Punkt gebracht hatte: „Das ist so interessant und markant, das wird nie aus der Mode kommen“, assistiert von Daniel Libeskind, dem Schöpfer des ersten Kö-Bogens: „Solche Gebäude kennt man schon, bevor man sie besucht.“

Die Phönix-Qualitäten des Dreischeibenhauses

Die Ikonographie findet ihre Fortsetzung in den Phönix-Qualitäten des Dreischeibenhauses. Das Hochhaus an der Nördlichen Düssel war zwar nicht aus seiner eigenen Asche wiedererstanden wie Phönix in der griechischen Mythologie, aber die Komplett-Sanierung unter Regie des Architekturbüros HPP Hentrich Petschnigg und Partner bescherten dem Düsseldorfer Vorzeigeobjekt immerhin einen MIPIM Award in der Kategorie „Best Refurbishment“. Die Revitalisierung mit besonderem Fokus auf Fassade, Gebäudetechnik und Innenausbau erfolgte nämlich nach Green Building-Kriterien und unterstreicht den Nachhaltigkeitsanspruch der neuen Eigentümerin, der Momeni Projektentwicklung GmbH, die gestützt wird von der Black Horse Investments (BHI) der Familie Schwarz-Schütte aus Düsseldorf, den früheren Eigentümern von Schwarz Pharma.

Das Kapital der Investoren dürfte gut angelegt sein, denn die 35.000 Quadratmeter Büroflächen des Gebäudes werden von weltweit renommierten Firmen als Mieter genutzt. Selbst die Investition in die repräsentative Vorfahrt, exklusiv für Mieter und deren Gäste, sollte spätestens dann ihren vollen Glanz entfalten können, sobald die Bauarbeiten am Gustav Gründgens-Platz mit den begrünten Terrassen der Markthalle abgeschlossen sein werden und das Schauspielhaus gegenüber seinen Betrieb wieder aufgenommen haben wird.

„Bühne frei“ heißt es dann also ab 2019 für ein außeralltägliches und doch stetes Spektakulum weltläufig städtischer Begegnung vor dem Dreischeibenhaus. Gustav Gründgens, der legendäre erste Intendant der Düsseldorfer Bühnen in der Nachkriegszeit, wäre gewiss erfreut ob dieses Spektakulums. Mehr noch. Er hätte es selbst inszeniert haben können.

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4 Antworten auf “Das Dreischeibenhaus: Architektonischer Phönix an der Nördlichen Düssel

    Peter Eder sagt:

    Hier wird ein Landmark-Building in seiner Historie und im Kontext des sich verändernden Marktumfeldes auf eine Art und Weise beschrieben, die weit über die traditionelle Immobilien-Sicht und Schreibweise hinausgeht. Danke dafür.

    Lieber Herr Eder,

    wir danken Ihnen herzlich für das freundliche Feedback und geben dies gern an den Author weiter!

    Viele Grüße

    Alexander Wilhelm

    Blomeyer sagt:

    Ein toller Text. Gern gelesen. Danke.

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