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Der Tower 185 und die Matthäus-Kirche: Mainhattan ist schön

Wer sich Frankfurt am linken Mainufer kurz nach Sonnenaufgang, von der im Osten der Stadt gelegenen Gerbermühle kommend, nähert, bedarf nicht wie dereinst Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe der Wonnen einer Liebesnacht oder des weit über den Durst getrunkenen Bembels Äppelwoi, um berauscht zu sein. Der morgendliche Spaziergang entlang des Sachsenhäuser Ufers und dann das Überqueren der Alten Brücke oder des Eisernen Stegs öffnet dem frühen Wanderer heutzutage berauschende Blicke auf ein in der steten Annäherungsbewegung immer kolossaler werdendes Gemälde eines majestätisch anmutenden Hochhaus-Ensembles, das in seiner architektonischen Ästhetik seinesgleichen sucht. Fraglos: Mainhattan ist schön. Und es entfaltet seine Schönheit ganz besonders durch die perspektivische Verdichtung im Blick des Betrachters von Ost nach West, der die in den Himmel ragenden Solitäre zu einer Turm-Familie eint, ähnlich den Geschlechtertürmen, wie sie uns zum Beispiel aus dem mittelalterlichen San Gimignano in der Toskana vertraut sind, nur dass es San Gimignano an den im Tagesverlauf farblich sich verändernden Spiegelungen der Sonne, Charakteristikum der Fassaden Mainhattans, mangelt.

Die nicht zuletzt wegen ihrer faszinierenden Skyline zu Recht als Metropole identifizierte Stadt am Main hat so wenig Mangel an Türmen, dass sie dem von Osten sich nähernden Wanderer einen der spektakulärsten Blicke zunächst verweigert. Denn der im Westen Mainhattans im Gallus-Viertel gelegene Tower 185 wird quasi wie ein ganz besonderes Kleinod im Schoß der Familie geborgen und erschließt sich dem staunenden Auge des Betrachters linksseitig des Mains erst vom Süden oder vom Westen der Stadt.

Keinerlei Gematrie oder sonstige Zahlenmystik

Mit dem Namen des Turms ist keinerlei Gematrie oder sonstige Zahlenmystik verbunden, wie eingefleischte Esoteriker vermuten mögen. Und selbst mit der Magie des Hexen-Einmaleins hat die „185“ nichts zu schaffen, denn der Turm braucht keine Verjüngung in einer Hexenküche – ganz im Gegensatz zum Faust in Goethes gleichnamiger Tragödie. Die Zahlenfolge ist einzig der ursprünglich geplanten Höhe des Turms geschuldet, ganz simpel übernommen aus dem Frankfurter Hochhaus-Rahmenplan und fortgeschrieben gewiss nicht für Ewigkeiten, aber doch bis zu jenem wahrscheinlich fernen Tag, da die Marke hinterfragt und vielleicht neuen Einsichten folgend modifiziert werden wird. Den baulichen Realitäten entspricht die „185“ auf jeden Fall schon seit Planungsabschluss nicht mehr. Der mit dem Entwurf betraute Frankfurter Architekt Christoph Mäckler hatte den Turm dem Himmel nämlich 15 Meter nähergebracht und damit den vierthöchsten Wolkenkratzer Mainhattans geschaffen, gleichzeitig eindrucksvoll das stilvolle Entree zum Europaviertel mit dem im Bau befindlichen Grand Tower und zum Skyline-Plaza gestaltend, ein Symbol des Aufbruchs im neuen Westen der Main-Metropole und zusammen mit dem Messeturm und den dazwischenliegenden kleineren Türmchen Castor und Pollux auf quasi einer Linie von Süd nach Nord und vice versa eine eindrucksvolle Phalanx einer in fast drei Jahrzehnten entstandenen Hochhaus-Architektur entlang der Friedrich Ebert-Allee bildend.

Bemerkenswerte Phalanx

Der Tower 185 besticht dabei durch zeitlose Eleganz. Und das nicht nur in dieser an sich schon bemerkenswerten Phalanx, die den Innenstadtkern nach Westen hin abschirmt, im Norden in einem wiederum nach Westen gerichteten 90-Grad-Winkel begrenzt durch die jenseits und entlang der Theodor-Heuss-Allee in Bockenheim gelegene, derzeit mehr oder minder disparate, von Baugruben unterbrochene Hochhausfront etwa mit dem IBC oder dem Marriott.

Tower 185 am Abend Blue Hour Frankfurt PWC

Der Tower 185 empfängt den Besucher mit einem sechsgeschossigen Sockelgebäude, konzipiert als Hufeisen, zwei gewaltigen, wie zum Gruß geöffneten Armen gleichend, aus denen mittig sich wiederum zwei rechteckige säulenartige Hochhaushälften in schwindelnde Höhe erheben, durch einen runden, gläsernen Mittelteil zu einem Doppelturm von hoher strukturaler Plastizität zusammengeführt. Klar, dass „Nachhaltigkeit“ zum Standard des Doppelturms gehört. Mindestens 25% der Energiekosten eines „normalen“ Hochhauses soll der Tower 185 nach Angaben des Architekten einsparen können. Trotzdem wurde darauf geachtet, dass besonders viele Fensterarbeitsplätze entstehen und die Fenster einen Frischluftspalt weit geöffnet werden können. Dank des Fensterkomforts kann nach Süden hin einer akustischen Besonderheit des Viertels gelauscht werden: dem gelegentlichen Geläut einer Kirchturmglocke nämlich, die Nutzer des „185“ an die St. Thomas Church oder die St. Patrick’s Cathedral in der 5th Avenue in New York erinnernd.

Ins Überirdische strebende Dimension

Denn der Tower 185 hat einen Steinwurf südlich auf dem angrenzenden Areal eine Nachbarin, die den ganzen Straßenzug mit einer quasi ins Überirdische strebenden Dimension segnet, in ihrem spirituellen Anspruch sogar die Wolkenkratzer in der Umgebung überragend. Noch haben die Abriss-Bagger die Matthäus-Kirche, diesen wegen Mitgliederschwund in der Evangelischen Kirche Frankfurts gleich mehreren Gemeinden noch immer als Refugium der Ruhe und der Andacht dienenden Schatz, verschont. Aber schon Georg Simmel hatte in seiner zu Recht berühmten „Philosophie des Geldes“ vor mehr als einem Jahrhundert die Großstädte als Sitz der Kapitalwirtschaft beschrieben und wesentlich dadurch charakterisiert, dass die Banken deren Mittelpunkt und dort größer und mächtiger seien als die Kirchen – und diese peu à peu verdrängen, wie sinngemäß zu ergänzen wäre. Geld sei halt der neue Gott, wie Simmel in der Tradition eines Hans Sachs formuliert. Und sobald sich ein passender Investor gefunden haben wird, dürfte es denn auch um den Sitz des alten Gottes in der Friedrich-Ebert-Anlage geschehen sein. Einen weiteren Turm von 130 Meter Höhe sieht der Bebauungsplan auf dem Matthäus-Areal auf jeden Fall schon vor. Und dass der „130“ keinerlei Verbindlichkeit eignen muss, zeigt uns die benachbarte „185“, in der im Übrigen mit PWC ein bankennaher Dienstleister seine Deutschlandzentrale eingerichtet hat (sic).

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Eine Antwort auf “Der Tower 185 und die Matthäus-Kirche: Mainhattan ist schön

    Manfred Gembalies sagt:

    Dem ist nichts hinzuzufügen! Ein weiteres Beispiel in kleineren Maßstab wird die „Businessmeile“ entlang der Bahn in Freiburg werden. P R O S T – Mahlzeit!

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