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Der Werkbund, Adenauer und drei Kranhäuser – das Quartier im Kölner Rheinauhafen zwischen Typisierung und Individualisierung

Dabei sein war alles. Wer 1993 auf die Poller Wiesen pilgerte, wollte hören, tanzen und allenfalls noch selbst gesehen werden – und hatte auf jeden Fall keinen Blick für das gegenüberliegende Rheinufer. Dort gab es auf dem „Werthchen“, einer kleinen Flussinsel, wie der Name sagt, zwar zeitgleich die Fertigstellung eines Schokoladenmuseums, aber sonst außer ambitionierten Konversionsplänen für eine aus der Zeit gefallene Hafenanlage noch nichts Konkretes und schon gar nichts Spektakuläres. An den Anblick von alten Hafenkränen und die typischen Lagerhaus-Fassaden hatten sich die Kölner gewöhnt. Open Air-Spektakulum pur dagegen gegenüber in Poll am Rhein, das eben 1993 die Geburtsstunde einer damals noch „illegalen“ Kultveranstaltung erleben sollte.

Spektakulum der besonderen Art

„PollerWiesen“ ist mittlerweile der Markenname einer nicht mehr ausschließlich auf Köln als Veranstaltungsort begrenzten Veranstaltungsreihe für elektronische Tanzmusik mit DJs und Live-Acts, auf ihre Art bis auf den heutigen Tag prägend für eine spezifische Techno-Spielart der Pop-Kultur. Und auf der Poll gegenüberliegenden Rheinseite am Kölner Rheinauhafen hat sich seither ein Quartier neu erfunden, das seinesgleichen sucht. Ebenfalls in einem Spektakulum der besonderen Art. Die dortige Hafenbrache ist Historie. Dem staunenden Blick präsentiert sich entlang der Uferpromenade ein ganzes Ensemble herausgeputzter, monumentaler Gebäudeformationen mit den historischen Lagerhäusern, dem sogenannten „Siebengebirge“ mit seinen zahlreichen, an ein Gebirge erinnernden Giebeln, und dem „Silo 23“ mit seiner markanten Dachform, und das alles in Kombination mit neu entstandenen Objekten wie dem nach Süden an das Schokoladenmuseum angrenzenden Deutschen Sport- und Olympiamuseum, um nur zwei Beispiele einer gelingenden und baulich sich neu orientierenden Konversion zu erwähnen.

Drei weltweit einmalige Architektur-Preziosen

Optisch und architektonisch überragt wird das zwischen dem Becken des Rheinauhafens und dem Rheinufer sich reihende Gebäude-Konvolut durch die sogenannten „Kranhäuser“. Die drei weltweit einmaligen Architektur-Preziosen definieren eine neue Hochhaus-Typologie in einer außeralltäglichen Formensprache nicht zuletzt durch die symbolische Anlehnung an die Gestalt von Hafenkränen, wie dem als Industriedenkmal im Rheinauhafen erhaltenen, 1897 errichteten „dicken Herkules“, und verdichten sich perspektivisch mit dem gotischen Dom jenseits der Severins-Brücke als Fluchtpunkt zur grandiosen Silhouette einer sich selbst stets aufs Neue dynamisierenden Stadt.

Der Blick vom rechtsrheinischen Ufer nach Nordwesten vor allem bei tiefstehender Morgen- oder Abendsonne verdient eine Erwähnung in den einschlägigen Stadtführern der Millionen-Metropole am Niederrhein. Denn die in mehr als zwei Jahrtausenden bilanzierende Stadtgeschichte, neben dem Dom als Weltkulturerbe durch die Zeiten hindurch in zahlreichen weiteren, vor allem romanischen Kirchen, aber auch in profanen Zweck- und Nutzbauten wie etwa den Altstadtvierteln entlang des Rheins architektonisch teilweise monumental und teilweise pittoresk im Baulichen zu sich selbst kommend, hat mit den zwischen 2006 und 2010 entstandenen Kranhäusern zukunftsweisende Landmarks hervorgebracht, stilbildend in ihrem Monumental-Technik assoziierenden Phänotypus. Ab einer Höhe von 40 Metern ragt ein zweigeteilter Ausleger, aufgelegt auf einen filigran wirkenden, vollverglasten Treppenturm, im 90-Grad-Winkel so aus dem Gebäudeturm, dass der gesamte Corpus der Stahlfachwerkskonstruktion in seiner anatomischen Struktur entweder einer fernen Zukunft oder aber einer anderen Welt zu entstammen scheint. Nicht von ungefähr hatte sich unter den beteiligten Architekten ein Streit um die Urheberrechte entfacht, der in letzter Instanz vom Bundesgerichtshof entschieden werden musste. Für das umgedrehte „L“ darf neben dem Hamburger Architekturbüro Bothe, Richter, Teherani auch der Aachener Architekt Alfons Linster Urheberrechte beanspruchen.

Mutter aller Künste

Wer sich der von Vitruv als „Mutter aller Künste“ gepriesenen Architektur verschrieben hat, möchte sein Oeuvre eben entsprechend gewürdigt wissen. Die anerkannte Urheberschaft als Ausweis kreativ geistiger Leistung gilt dabei als wertschätzende Minimalforderung – speziell bei einem preisgekrönten Gesamtkunstwerk wie den Kranhäusern, ausgezeichnet dessen Mittleres 2009 immerhin mit einem MIPIM-Award in der Kategorie „Business Center“ und das Gesamtensemble last not least mit dem Kölner Architekturpreis 2010.

Wie immer ist Vorsicht geboten bei der Wertschätzung kommunaler Preise. Aber im Fall der Kranhäuser scheint jede Skepsis unbegründet. Denn die „Mutter aller Künste“ hat mit Hilfe ihrer begabten Architekten-Söhne nicht nur herausragende Gebäude verwirklicht, sondern deren Verwirklichung als Integral eines städtebaulichen Gesamtkunstwerks in lichte Höhen der Meisterschaft erhoben, in überzeugender Art sich Ausdruck verschaffend durch die offenen Räume unter den Kranauslegern, der wuchtigen Gebäudeskulptur optisch und faktisch eine filigrane Durchlässigkeit verleihend. Auch Konrad Adenauer, Kölns legendärer Oberbürgermeister und späterer Bundeskanzler der BRD, zu seiner Zeit als Stadtoberhaupt mit der Messe, dem Messeturm und der Universität in seiner Heimatstadt stadtplanerisch markante Zeichen setzend, hätte seine Freude an der durch die Kranhäuser ermöglichten Flaniermeile parallel des mittlerweile als exklusivem Yachthafen dienenden Beckens des Rheinauhafens. Die attraktive Promenade mit ihren Bars, Restaurants, Galerien und Geschäften führt quasi durch die Kranhäuser hindurch, das Auge des Flaneurs durch einen steten Wechsel an Eindrücken entzückend und Einheimische genauso wie Touristen mit beständig sich erneuernden und wiederholenden saisonalen Events wie dem Hafen-Weihnachtsmarkt oder dem „Picknick am Rhein“ an den Fluss lockend. Verwöhnt wird der Besucher darüber hinaus durch eine unter dem Rhein gelegene Tiefgarage, mit 1,6 Kilometern immerhin die längste Europas.

Diskurs zwischen Typisierung und Individualisierung

Fraglos: Nicht zuletzt dank der Kranhäuser wurde aus dem „Werthchen“ ein Stadtquartier, das dem Erbe der von Adenauer im Jahr 1914 nach Köln geholten ersten Werkbund-Ausstellung in den Messehallen alle Ehre macht. Und das durchaus auch im Sinn der programmatischen Debatte, die Hermann Muthesius und Henry van de Velde, zwei der nicht nur meinungsbildnerisch führenden Protagonisten des Werkbunds, um die künftige Richtung der wirtschaftskulturellen Vereinigung in schärfster Form aneinandergeraten ließ. Der Frontverlauf im Diskurs zwischen Typisierung und Individualisierung hat auch nach mehr als einem Jahrhundert erfreulicherweise nichts von seiner Frische eingebüßt. Auf dem Werthchen mit seinen drei Kranhäusern finden sich beide Richtungen harmonisch zusammengeführt, durchaus dem zeitlos universalen Qualitätsanspruch des Werkbunds im bereichernden Zusammenwirken von Kunst, Kommerz und Industrie genügend.

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