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Germomania, Brexit und ein Black Swan namens Liquidität. Das Expo Real-Fazit von Timo Tschammler

Und wieder ist eine EXPO REAL vorüber. Mit knapp 40.000 Besuchern, mehr als 400 Discussion Panels und zahllosen Face-to-Face-Gesprächen. Um was ging es diesmal? Welche Themen beherrschten die Diskussionen? Was kommt bis Jahresende auf die Branche zu? Timo Tschammler, CEO JLL Germany und seit Jahren Messeinsider, teilt seine Eindrücke der drei Tage in München.

Timo Tschammler – CEO JLL Germany

Germomania made by Asia?

In diesem Jahr stand das Gastgeberland der EXPO REAL mehr denn je im Mittelpunkt der Gespräche und Diskussionen. Die „Germomania“ war nicht nur im Titel eines der Prime Time Panels vertreten, sondern überall spür- und hörbar. Der deutsche Investmentmarkt für Immobilien war für Anleger aus dem Ausland nie so interessant wie aktuell – vor allem für Akteure aus dem asiatischen Raum. Deren Aktivität aufgrund des traditionell vertraulichen Charakters der Transaktionsgeschäfte und Bieterrunden sowie dem überproportional hohen Anteil von indirekten Investmentengagements in Zahlen allerdings noch schwer abschätzbar ist.  Es wird spannend, ob 2017 durch die vermehrten internationalen Aktivitäten an das Rekordjahr 2015 mit 55 Milliarden Euro Transaktionsvolumen heranreichen kann. Das Ausmaß an „frustriertem Kapital“ war jedenfalls noch nie so hoch wie jetzt. Es ist nicht allein fehlendes Produkt, sondern vor allem die Kombination mit dem riesigen Nachfrageüberhang, der die Märkte unter Druck setzt. Gleichzeitig wird die Frage interessant werden, welchen Einfluss die Asiaten auf unseren Markt haben werden – in Sachen Innovation, neue Gebäudekonzepte, die in Asien längst das Maß der Dinge sind, und in letzter Konsequenz auch in Hinblick auf die Smart City, die hierzulande auf lange Sicht definitiv noch Nachhilfe aus Fernost braucht.

Verändert der Brexit wirklich den Markt?

Auch die „Brexit – und was danach?“-Diskussion war natürlich eines der Top-Themen der vergangenen Tage. Was zur MIPIM noch ein Gefühl war, ist jetzt Realität geworden: Immer mehr Ambitionen der Banken, ihre Ressourcen in andere EU-Städte zu verlagern, manifestieren sich deutlich. Die ersten Mietverträge sind unterschrieben. Doch hat sich auf der EXPO REAL auch gezeigt, dass sich – je länger der Brexit jetzt bereits in den Köpfen ist – der Fokus verschiebt oder ein weiterer hinzukommt. Es geht nicht mehr lediglich um die Frage, was der EU-Ausstieg für die verbleibenden EU-Märkte bedeutet. Der Blick liegt wieder auf UK selbst. Längst herrscht, das war auf der Expo Real deutlich vernehmbar, die Ansicht vor, dass der Markt keinen Einbruch erleiden und sich schnell an die neuen Gegebenheiten anpassen wird – und das nicht nur bei den Briten selbst: Deutsche Anleger investierten in den vergangenen Monaten so viel wie seit vielen Jahren nicht mehr. Beim Investmentvolumen setzte sich London an die weltweite Spitze vor New York. Trotz der Vorteile und Chancen, die die britische Hauptstadt für ausländische Investoren bietet, bleiben der unsichere Ruf und damit die Verzögerungseffekte auf dem Markt bestehen. Inwieweit sich das Marktgeschehen in und zwischen den europäischen Märkten verschiebt, wird aber erst in den kommenden Monaten sichtbar.

Einmal mehr hat sich hier bestätigt, was unsere vor der Bundestagswahl durchgeführte Umfrage zum „Einfluss politischer Ereignisse auf den deutschen Immobilieninvestmentmarkt“ unter 100 Investoren gezeigt hat: Der Brexit sowie das aktuelle Zinsumfeld sind unter Anlegern weitaus wichtigere Themen als die Wahl und ihr Ergebnis. Ob eine eventuelle Jamaika-Koalition und eine Abmilderung einzelner Partei-Positionen im Zuge der Koalitionsverhandlungen dem Markt im Sinne einer Deregulierung entgegenkommen, ist noch nicht greifbar.

Die Digitalisierung bringt mehr Menschlichkeit

Dass die Digitalisierung eines der Top-Themen war und auch seine unbedingte Daseinsberechtigung haben muss, ist klar und wird auch in jedem anderem Fazit angeführt werden. Neu in der Diskussion war in diesem Expo-Jahr hingegen eines: Die Digitalisierung hat sowohl paradoxerweise als auch logischerweise den Aspekt der Menschlichkeit mehr denn je in die Immobilienbranche gebracht. Denn jetzt haben wir die Möglichkeit, Gebäude mit erheblich mehr Komfort für jeden seiner Nutzer zu verbinden. Nicht die Technik und „Maschine“ stehen im Mittelpunkt, sondern der Mensch. Projektentwicklungen wie das Cube in Berlin – hier diskutiert und vorgestellt auf der Expo – zeigen das anschaulich. Der Anteil solcher Projekte und auch deren Präsentation auf der Expo Real wird in den nächsten Jahren definitiv noch weiter steigen. Für Unternehmen wird das Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter zur nicht zu unterschätzenden Währung. Zufriedenheit ist eine Ressource der Zukunft.

Woher kommt der nächste Black Swan?

Im Angesicht dieser Vielfalt der Themen wie auch der Markt- und Zinslage sollte die Branche jetzt und bei der zukünftigen Marktvolatilität vor allem Besonnenheit an den Tag legen. Sollte bspw. die EZB unerwartet doch eine Zinsanpassung wagen oder ein exogener Schock die Märkte kurzfristig erschüttern, wäre eine Überreaktion der falsche Weg. Feinfühligkeit ist mit Blick auf die weiterhin besorgniserregend hohe Liquidität auf den globalen Kapitalmärkten gefragt. Die Liquidität selbst – etwa der potenziell nächste Black Swan?

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