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Frauen als Führungskräfte in der Immobilienwirtschaft? Die gibt’s!

Frauen sind in der Immobilienwirtschaft – gerade in leitenden Positionen – noch immer unterrepräsentiert, heißt es in vielen Studien und Debatten rund um die Themen Vorurteile, Vereinbarkeit von Familie und Beruf und Frauenquote. Melanie Schüll (34), Team Leader Corporate Clients Operations, Stefanie Eisenbarth (39), Teamleader Workplace Strategy und Sandra Ludwig (37), Head of Retail Investment, sind nur drei der erfolgreichen Gegenbeispiele bei JLL. Sie sind unterschiedlich lange dabei, stehen für ganz unterschiedliche Bereiche, haben ganz verschiedene Bildungswege und Laufbahnen hinter und auch noch vor sich. Was sie verbindet, sind Ehrgeiz und die Verantwortung für ein Team. Und letztlich zeigen alle drei: Die Immobilienwirtschaft ist als Branche mit konservativem Ruf viel moderner als man allgemeinhin denkt. Ein Gespräch über Spaß am Job, geschlechterunabhängige Diversity, einen Hang zu Masochismus und die Tatsache, dass Männern bestimmte Fragen einfach nicht gestellt werden.

Warum habt ihr euch für eine Karriere in der Immobilienwirtschaft entschieden?

melanie schüll frauen in der immobilienbranche

Melanie Schüll, Team Leader Corporate Clients Operations

Melanie Schüll: Das war reiner Zufall. Meinen ersten Job als Werksstudentin hatte ich bei einer kleinen Immobilienberatung. Der Branche bin ich dann treu geblieben, auch wenn mein Studium rein gar nichts mit Immobilien zu tun hatte. Den akademischen Immobilienbezug habe ich erst 2016 durch ein Aufbaustudium zum Immobilienmanager „nachgeholt“.

Sandra Ludwig: Solche Einstiege sind entgegen vieler Annahmen gar nicht so untypisch. Auch mein Weg in die Immobilienwirtschaft war nicht klassisch, sondern hat sich ergeben. Ich wollte ursprünglich an der Uni bleiben und mich auf die Lehre konzentrieren. Bei einer großen Due Diligence unterstützte ich für ein Portfolio und bin dann über dieses Projekt und der Idee der Strukturierung des Aufbaus eines Immobilienteams für eine Reederei selbst zur Immobilienwirtschaft gekommen.

Stefanie Eisenbarth: Bei mir ging’s schon etwas früher los. Schon in meiner Kindheit habe ich mich für alles begeistert, womit man Häuser und Räume bauen kann, sei es die Legobausteine oder die Höhle aus Kissen und Decken. Diese Leidenschaft hat mich nie losgelassen, so dass ich sehr schnell wusste, dass ich Architektur studieren möchte. Gebäude begleiten uns immer, egal ob zuhause oder im Büro. Sie beeinflussen uns ganz indirekt durch den Raum und das Gefühl, das sie vermitteln. Das wollte ich mit gestalten.

Melanie Schüll: Allerdings. Für mich stellt sich immer wieder neu heraus, dass Immobilien und ihre Potenziale vielfach unterschätzt werden. Diese zu heben und für den Kunden nutzbar zu machen, finde ich spannend. Darüber hinaus herrscht eine große Dynamik in der Branche – und das perspektivisch auch in der Zukunft. Hierbei aktiv mitzugestalten macht mir immer wieder besonderen Spaß.

Welche (typisch weiblichen?) Eigenschaften haben euch in die Positionen gebracht, in denen ihr heute seid?

sandra ludwig frauen in der immobilienbranche

Sandra Ludwig, Head of Retail Investment

Sandra Ludwig: (lacht) Also, das war eigentlich nicht wirklich etwas typisch Weibliches. Vielleicht eher das Gegenteil. Manch einer wird sicher sagen, dass ich ein Workaholic bin. Das ist im gewissen Maße korrekt. Was mich aber noch viel mehr ausmacht, ist der Spaß an meiner Arbeit. Ohne diesen wäre ich nicht dort, wo ich heute bin. 

Melanie Schüll: Ich kenne diese „Workaholic“-Kombination aus Zielstrebigkeit, Durchhaltevermögen und einem – mir eigentlich ansonsten unbekannten – Hang zum Masochismus. Hinzu kommen die Leidenschaft und der Wunsch, immer über den Tellerrand hinaus zu schauen und das große Ganze zu betrachten. Etwas typisch Weibliches darin sehe ich jetzt nicht. Individuelle Eigenschaften haben meiner Meinung nach kein Geschlecht.

Stefanie Eisenbarth: Die Offenheit für neue Ideen war mir auch immer sehr wichtig. Und der Teamgedanke mit weniger ich sondern mehr wir. Ich denke schon, dass gerade Frauen gute Teamantennen haben.

Sandra Ludwig: Ja, Empathie ist durchaus eine solche Stärke, die ich auch zu meinen Erfolgsrezepten zähle. Ich versuche, in meinem Vertriebsjob unsere Kunden ganzheitlich zu beraten und die Ziele nicht aus den Augen zu verlieren. Zu guter Letzt hat’s auch die gewisse Prise Ehrgeiz gemacht.

Sind Frauen in immobilienwirtschaftlichen Führungspositionen noch eher die Ausnahme als die Regel?

Melanie Schüll: Im Bereich der Immobiliendienstleistung und Beratung nehme ich Frauen in Führung aktuell nicht als Ausnahme wahr. Im Facility Management klassischer Unternehmen oder in mittelständischen Baufirmen lässt sich dies noch immer viel häufiger feststellen.

Sandra Ludwig: Empfinde ich ähnlich. Der Anteil „führender“ Frauen nimmt spürbar zu. Obwohl die immer noch große Männerdominanz nicht wegzudiskutieren ist.

Bringen mehr Frauen in Schlüsselpositionen einen Mehrwert für Unternehmen, den eine reine Männer-Riege nicht bringen kann? Oder sind Mann-Frau-Vergleiche völliger Humbug?

Melanie Schüll: Unterschiede in der Führung sind grundsätzlicher Natur. Für mich absolut individuell und absolut unabhängig von einem Mann-Frau-Vergleich.

Sandra Ludwig: Ich bin schon davon überzeugt, dass es Unterschiede gibt. Das liegt aber auch in unserer Natur. So sind wir Frauen meist geduldiger und gleichzeitig fühlen wir uns emotional tiefer verwurzelt und weniger impulsiv. Es erweitert den Horizont von Führungsteams, wenn auch eine weibliche Sichtweise eingenommen werden kann. Denn auch die Mitarbeiter sind durch beide Geschlechter vertreten.

Stefanie Eisenbarth: Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen, dass Frauen häufig eine andere Perspektive in viele Diskussionen bringen. Diese unterschiedlichen Sichtweisen tun Unternehmen gut, sich weiter zu entwickeln. In meinem Umfeld beschäftigen wir uns sehr stark mit dem Thema „Nutzererlebnis“ – hier müssen in unterschiedliche Richtungen gedacht und Facetten zusammengebracht werden. Doch dabei ist nicht nur Frau-Mann wichtig, sondern auch das Altersgefüge. Diversity ist wichtiger als die reine Betrachtung von Geschlechteranteilen.

Wie gelingt es, Familie und verantwortungsvolle Position unter einen Hut zu bringen?

Stefanie Eisenbarth Frauen in der Immobilienbranche

Stefanie Eisenbarth, Teamleader Workplace Strategy

Stefanie Eisenbarth: Flexible Arbeitsmodelle mit Home Office und ohne strikte Vorgaben zu Arbeitszeiten sind Grundvoraussetzung, dass eine Kombination gut klappen kann – von den technischen Möglichkeiten ganz abgesehen. Ich bin froh, dass ich die entsprechenden Möglichkeiten habe. Es hat aber auch sehr viel mit Absprechen und Austauschen zu tun, damit alles organisatorisch zusammenpasst. Denn manchmal muss man sich einfach nachmittags die Zeit für ein Lehrergespräch nehmen.

Also, alles möglich, wenn alle an einem Strang ziehen. Dennoch: Einem Mann würde man diese Frage höchstwahrscheinlich nicht stellen. Karrieremöglichkeiten wachsen, Rollenbilder ändern sich nicht so schnell.

Wie ist es um den weiblichen Führungsnachwuchs bestellt?

Sandra Ludwig: Er ist definitiv da. Wir Frauen müssen uns nur noch mehr trauen, dies auch zu zeigen und den notwendigen Ehrgeiz entwickeln.

Stefanie Eisenbarth: Definitiv. Es sollten sich noch mehr Frauen zutrauen, Führungsaufgaben zu übernehmen. Wesentlich ist hierfür einmal mehr, dass man sich nicht automatisch zwischen Familie oder Beruf entscheiden muss. Das heißt auch für die Männer, offener dafür zu werden, das klassische Rollenbild über Bord zu werfen.

Braucht die Branche eine Frauenquote?

Melanie Schüll: Nein. Indem wir weiter direkt an den Hochschulen ansetzen, um unseren Nachwuchs zu rekrutieren, bei mittlerweile einem höheren Anteil an weiblichen als männlichen Studenten, erhöht sich die „Quote“ sukzessive – ganz ohne regulative Einflussnahme.

Sandra Ludwig: Ich halte persönlich nichts von einer Frauenquote. Für mich geht es um Qualifikation, Vielfalt und die daraus resultierende Stärke eines Unternehmens

Stefanie Eisenbarth: Grundsätzlich möchte ich durch meine Leistung und meine Expertise eine Rolle und Verantwortung bekommen. Und nicht, weil noch eine Frau berücksichtigt werden muss. Eine Veränderung bewusst in Gang zu bringen, benötigt jedoch manchmal eine Initiative, um auch spürbar zu sein. In meinem Bereich Workplace Strategy findet man in den meisten Unternehmen eine große Anzahl von Frauen. Unsere Aufgaben sind stark durch Kommunikation und gutes Zuhören geprägt. Dies liegt Frauen traditionell eher näher. Wir würden uns jedoch mehr Männer in unseren Reihen wünschen. Vielleicht müssten wir initiativ mal in diese Richtung die Stellen-Werbetrommel rühren.

Wie lautet eure Zukunftsprognose zur Bedeutung von Frauen in der Immobilienwirtschaft?

Sandra Ludwig: Ich bin davon überzeugt, dass wir weiter steigende Zahlen von Frauen in Führungspositionen sehen werden. Allerdings sehe ich in den nächsten Jahren noch keine 50:50 Quote.

Stefanie Eisenbarth: Frauen werden sukzessive immer mehr Bedeutung in der Immobilienwelt erhalten und häufiger Leitungsfunktionen übernehmen. Ganz grundsätzlich wird es hier in allen Bereichen einen großen Shift geben. Das wird allerdings noch einige Jahre dauern.

Melanie Schüll: Was Wirtschaft und Politik für die Zukunft dringend verstärkt angehen müssen, ist meiner Meinung nach nicht das Geschlechterverhältnis, sondern der demografische Wandel und drohende Fachkräftemangel. Auch unabhängig von der Immobilienbranche: Frauen sind ein Potenzial, dass wir nutzen müssen, um alle Positionen auch zukünftig mit gut ausgebildeten und leistungsfähigen Leuten zu besetzen. Dazu gehören junge Berufseinsteigerinnen genauso wie Mütter, die in Teilzeit in Fach- und Führungspositionen zurückkehren.

Vielen Dank euch für das offene Gespräch.

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