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Unter Zugzwang durch Brexit? Die ersten Entscheidungen „Pro Frankfurt“ sind gefallen

„Die Grundannahme ist: Der Brexit kommt! Wir beginnen deshalb damit, Ressourcen nach Frankfurt und in andere europäische Städte zu verlagern.“ Der Europachef von Goldman Sachs ist einer der ersten Vertreter der großen Investmentbanken, die Worten und Spekulationen jetzt Taten folgen lassen. Und die Zahl ihrer Banker in der hessischen Metropole verdoppeln.

Es wird also konkret. Nach dem Schock des Brexit-Referendums und der anschließenden Sondierungsphase gibt es die ersten Standort-Entscheidungen pro Frankfurt. Und während noch lebhaft diskutiert wird, wie viele Banker die deutsche Bankenmetropole aus London dazugewinnt, stehen die ersten Mietverträge kurz vor Unterschrift. Aber hat Frankfurt überhaupt genügend Kapazitäten?

Warum es sich lohnt, First Mover zu sein

Alleine steht Goldman Sachs zumindest nicht. Im Gegenteil. Unter anderem vier der größten japanischen Banken haben angekündigt, eine Niederlassung in Frankfurt eröffnen zu wollen bzw. ihre bestehende zu erweitern. Sie gelten als First Mover. Und Signalsetzer. Denn wer sich bereits mit dem Gedanken trägt, sollte sich spätestens jetzt in Bewegung setzen.

Warum? Weil First Mover davon profitieren, dass ihnen vor dem Hintergrund des sich immer weiter reduzierenden Büroleerstands zurzeit noch mehr Optionen zur Verfügung stehen. Denn die Auswahl kurzfristig verfügbarer Büroflächen nimmt immer weiter ab: Der Leerstandabbau schreitet voran, und wird erst Ende 2018 – nach 12 Jahren der Abwärtstendenz – seinen zwischenzeitlichen Tiefpunkt erreichen. Erst ab 2019 werden wieder neue und sanierte Flächen im Wege von Bau-Projekten in signifikantem Maße auf den Markt kommen und spürbar angebotserhöhend wirken – es sei denn, dass die dort aktuell noch freien Flächen zwischenzeitlich ebenfalls absorbiert werden.

Alle Zeichen auf Expansion – Neubau gefragt

Brexit zieht Banken nach FrankfurtUnd selbst wenn es keine Brexit-Verlagerungen geben würde, kann davon ausgegangen werden, dass einige weitere, derzeit noch nicht im Bau befindliche Projektentwicklungen vorgezogen und früher als gedacht in Bau gehen werden: Denn im Wege der dynamischen (auch und gerade regionalen und lokalen) Konjunkturentwicklung werden moderne Flächen benötigt. Flächenoptimierungen mit dem primären Ziel der Kostenreduzierung rücken auf dem Frankfurter Vermietungsmarkt langsam in den Hintergrund und machen immer öfter wieder Platz für Expansionspläne. Laut Konjunkturumfrage der IHK Frankfurt vom Frühsommer ist die Einstellungsbereitschaft der Unternehmen nunmehr auf ein Sechs-Jahres-Hoch geklettert.

 

Die 1 Mio. m² Gesamtleerstand in Frankfurt täuschen darüber hinweg, dass in mehreren Marktsegmenten ein Angebotsmangel herrscht. Sucht ein Unternehmen kurzfristig beispielsweise 5.000 m² hochwertige Büroflächen in zusammenhängenden Etagen in Bankenlage, City und Westend, stehen gegenwärtig nicht einmal fünf Objekte zur Auswahl. Selbst bei kleineren Flächengesuchen ist die Auswahl oft stark eingeschränkt. Und da auch bereits in Frankfurt ansässige Unternehmen versuchen, mit einer flexiblen Gestaltung ihrer Verträge für unterschiedliche Szenarien – auch für mögliche Erweiterungen – vorbereitet zu sein, verschärft sich das Nachfrage- /Angebotsverhältnis zunächst weiter. Denn eine Anmietung in Projektentwicklungen kommt nicht für jedes Unternehmen in Frage.

Beschleunigen die First Mover die Standortentscheidungen?

Wenn die Prognosen des Verbandes der Auslandsbanken in Deutschland eintreten, und durch den Brexit in den nächsten zwei Jahren 3.000 bis 5.000 neue Arbeitsplätze in Frankfurt entstehen werden, wird dies zwar höchstens einen Bedarf von rund 100.000 m² Bürofläche bedeuten, und somit rein quantitativ nur moderate Auswirkungen auf die Statistik haben – zumal einige bereits in Frankfurt ansässige Banken in ihren bestehenden Flächen neue Kollegen aus London aufnehmen können.

Vor dem Hintergrund der spezifischen Anforderungen der Firmen und Institutionen werden die skizzierten Entwicklungen jedoch einige von ihnen unter Zugzwang setzen. Die First Mover könnten Vorzieh-Effekte bei den Standortentscheidungen weiterer Flächennachfrager auslösen.

 

 

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