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Verändert E-Food unsere Supermarkt-Gebäudelandschaft?

Tür auf. Blick runter. Was gibt es denn heute? Champignons sind in der Kiste auf der Fußmatte, dazu Grünkohl, Lauch, Möhren und – typisch für die Jahreszeit – Chicorée. Alles frisch, bio und auf jeden Fall genug, um eine Woche gesund damit zu kochen. Kommende Woche gibt’s dann die nächste Lieferung direkt vor die Wohnungstür. Pünktlich und mit einem Klick bestellt, bezahlt oder ausgesetzt. Bequem sind sie ja, die Frischekisten, Bauerntüten oder Gemüseabos. Und finden hier und da ihre Abnehmer. Aber hat das E-Food auch das Potenzial, ernsthafte Konkurrenz für das Vor-Ort-Angebot von Edeka & Co. zu werden?

Das Liefergeschäft für Lebensmittel nimmt jedenfalls Fahrt auf. Vor allem in anderen Ländern. Und allen voran in Südkorea. 16,6 Prozent des gesamten Lebensmittelumsatzes werden hier bereits online gemacht. Was in einer so Smartphone affinen Nation, die digitale Kommunikation und Vernetzung zu einer der Staatsmaximen erhoben hat, auch nicht unbedingt verwundert. Plakate von Supermarktregalen mit scanbaren Warenbildern in den zahlreich vorhandenen Bahnhöfen regen zusätzlich dazu an, den Einkauf quasi nebenher auf dem Nachhauseweg zu erledigen.

Deutschland will (noch) kein „E“ vor dem Food

Schinken und Milchpackungen an U-Bahn-Wänden – davon sind wir in Europa (noch?) weit entfernt. E-Food-Vorreiter Großbritannien setzt aber immerhin bereits fast sieben Prozent seiner Lebensmittel über Online-Kanäle ab. Vor allem die jungen Briten zwischen 25 und 34 Jahren sind hier aktiv. In Frankreich zeigt sich mit einem E-Food-Anteil von 5,3 Prozent ein ähnliches Bild.

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 „Hierzulande ist E-Food klar ein Nischengeschäft. Nur rund ein Prozent des Lebensmittelumsatzes kommt über Online-Bestellungen rein“, sagt Dirk Wichner, Head of Retail Leasing JLL Germany. „Was nicht wirklich verwundert, wenn man sich die Dichte der bestehenden stationären Einkaufsmöglichkeiten anschaut“, ergänzt Sandra Ludwig, Head of Retail Investment JLL Germany. „Der Großteil der Verbraucher erreicht innerhalb von ein bis drei Minuten einen Supermarkt – ein ausgefeiltes Filialnetz der Etablierten, das es neuen Akteuren und Formaten schwer macht, Fuß zu fassen.“ Hinzu kommen Vorbehalte hinsichtlich der Frische von Lieferprodukten. „Lebensmittel-Einzelhändler konzentrieren sich derzeit mit Blick auf die wachsenden Städte und Single-Haushalte deshalb auch eher auf den Ausbau ihrer stationären Flächen in den Innenstädten – weg vom Supermarkt auf der grünen Wiese, hin zum City-Konzept. Kaufland zum Beispiel hat seinen Lieferservice in Berlin Ende des vergangenen Jahres wieder eingestellt“, so Wichner.

Dennoch kommen stetig neue E-Food-Modelle auf den Markt und die Investitionen in die Sparte steigen – auch hierzulande. Und nicht nur angetrieben von der äußerst aktiven Vorreiter-Konkurrenz Amazon Fresh, die ihr Liefer-Angebot bereits in Berlin und Potsdam etabliert hat und vor allem kleineren Lebensmittelhändlern und Feinkostläden zusätzlichen Absatz verschafft. „Denn die passenden Zielgruppen sind durchaus da“, sagt Dirk Wichner. „Der Anteil der Smartphone-Generation aus beruflich äußerst eingespannten jungen DINKs (Double Income No Kids) in den Städten steigt. Hinzu kommt die rasant wachsende Gruppe der Best Ager, die immer internetaffiner werden, und E-Food – sollte es mit der eigenen Mobilität schwieriger werden – als attraktive Alternative annehmen könnten.“ Doch noch hakt‘s am aktuell angebotenen E-Food-Service, der seine möglichen Abnehmer nicht ins Herz trifft. Der Service ist nur spärlich verfügbar, Lieferzeiten zu lang und nicht eng genug eingrenzbar, Mindestbestellwerte und Liefergebühren werden als zu hoch empfunden.

Enormes Wachstumspotenzial

„Investitionen in den E-Food-Markt sind – trotz noch ausbleibendem Großabsatz – äußerst attraktiv, da die Sparte enorme Wachstumspotenziale eröffnet“, sagt Sandra Ludwig. „Sollte sich der Online-Anteil bei Lebensmitteln hierzulande z.B. aufgrund von höherer Akzeptanz durch die Verbesserung bei Lieferzeiten oder Gebühren um nur einen Prozentpunkt erhöhen, bedeutet dies für den Online-Handel ein zusätzliches Umsatzvolumen von circa 1,9 Milliarden Euro. Ein Kuchen, von dem jeder gern ein Stück abhätte.“ Letztlich hängt ein Erfolg in der Sparte von der Erschließung wiederkehrender Käufergruppen ab – ob beruflich eingespannte DINKs, Best Ager, Bewohner ländlicher Gebiete oder auch Bestelloptionen in Büros und Kooperation mit den entsprechenden Unternehmen.

Angenommen, der E-Food-Anteil am Gesamtumsatz würde in den kommenden Jahren tatsächlich etwas steiler ansteigen, als das bisher der Fall war – welchen Einfluss hätte das auf den Flächenbedarf von Supermärkten und Discountern?

Dirk Wichner: „Der aktuell spürbare Trend zu kleineren Ladenflächen in Stadt- und Stadtteilzentren würde sich dann noch einmal weiter verstärken, ebenso wie der Schwenk zu mehr Convenience-Angeboten. Wer online für zuhause kauft, braucht unterwegs schnell was Fertiges für zwischendurch. Eine ohnehin schon einsetzende Entwicklung, siehe REWE to go, die bei einem eventuellen Erstarken des E-Food-Konsums zusätzlichen Anschub bekommen würde.“ „Trotz kleiner werdender stationärer Ladenflächen stiege der Flächenbedarf der Lebensmittelanbieter“, fügt Sandra Ludwig hinzu. „Lieferzeit und Frische haben bei Online-Bestellungen von Lebensmitteln oberste Priorität. Deshalb bräuchte es die entsprechende Zahl an Lagerflächen dafür – und zwar möglichst nah bei den Verbrauchern und so ausgestattet, das das Frischhalten von Waren möglich ist. Gerade in den Städten müssten wirksame Lösungen für die letzte Meile her. Zusätzliche Konkurrenz für die Non-Food-Liefersparte, die ihre Suche nach geeigneten Flächen für die Versorgung von Städten in den kommenden Jahren weiter verstärken wird.“

Trends wie 60+ und Erlebniskauf wiegen aktuell schwerer

Doch haben solche Flächenüberlegungen aktuell wirklich Brisanz? „Nein“, sagt Dirk Wichner. „E-Food ist noch nicht so weit, dass wirkliche Auswirkungen auf Flächensuche und -gestaltung spürbar sind. Zwar beobachten Einzelhändler richtigerweise die Entwicklungen und klinken sich zunehmend ins Geschäft ein, wie z.B. Rewe, Edeka24 und Allyouneedfresh, legen ihren Fokus aktuell aber eher auf Trends wie Convenience, Fair Trade und Bio.“

„Auch die Bedürfnisse der immer stärker wachsenden Zielgruppe 60 Plus stehen aktuell in der Aufmerksamkeit von Einzelhändlern wie auch Entwicklern und Eigentümern von Ladenflächen“, sagt Sandra Ludwig. „Denn hier geht es nicht nur um zugeschnittenen Service, kompetente Beratung und spezielle Produkte, sondern auch um konkrete Auswirkungen auf die Gestaltung von Verkaufsflächen: Breitere, barrierefreie Gänge und einfach zu erreichende Regale.“

Und nicht nur das verändert das Innere von Supermärkten – der Trend hin zu mehr Gastroerlebnis vor Ort ist bereits deutlich sichtbar. In vielen Filialen gibt es Markthallen oder Gastroinseln, die zusätzlich zu Milch- und Wurstpackungen in den Regalen kulinarische Leckerbissen in Bistroatmosphäre bieten – meist gesund, saisonal und direkt vom Erzeuger aus der Region. „Das Gastroerlebnis im Supermarkt hält auch in Shopping Center Einzug“, sagt Anke Kaukars, Head of JLL Shopping Center Services. „Der Lebensmittel-Einzelhandel ist hier zunehmend stabiler und wichtiger Frequenzbringer – und gern gesehener Mieter, da Verträge mit ihm meist auf sehr langfristigen Beinen stehen. Erlebnis, Pause, Shoppen und notwendige Besorgungen lassen sich in den neuen Markthallen-Konzepten gut verbinden. Definitiv ein Modell mit Zukunft.“

E-Food wird aller Voraussicht nach nicht so schnell zum Standard, aber die Anteile am Gesamtumsatz könnten künftig und mit weiterem Fortschreiten der Digitalisierung schneller wachsen als bisher. Den Trend zu beobachten und für sich zu eruieren empfiehlt sich für Nutzer genauso wie für Investoren. Denn wenn Fahrt in die Branche kommt, ist einiges zu beachten.

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