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Verlagsgebäude 4.0 – die Eule der Minerva und der Axel-Springer Neubau in Berlin

Ein Verlagsgebäude 4.0? Zweifellos eine Herausforderung der besonderen Art. Auch für die Axel Springer SE. Denn die Medien- und Verlagsbranche wandelt sich mit atemberaubender Dynamik. Und das nicht erst seit gestern. Ende nicht absehbar. Die digitale Wirklichkeit 4.0 hält Einzug in einer von jeher auf Aktualität getrimmten Medien-Welt. Dadurch gewinnt auch die Aktualitätsbewältigung nolens volens eine völlig neue Dimension.

Das Augenblicks-Diktat des Allzeit-Jetzt

Denn das Augenblicks-Diktat des Allzeit-Jetzt fordert seinen Tribut. Ohne wenn und aber. Und findet sein Komplement im World Wide Web. In Echtzeit erreichen uns Informationen per Bild, Ton und Text aus dem fernsten Winkel der Welt, wollen in Redaktionen verarbeitet, von Journalisten kommentiert und online ohne Zeitverzug weiter vermittelt werden. Empfangen und Senden verdichten sich zu einem permanenten Prozess globaler Nonstop-Kommunikation. Im Zeitalter der sozialen Medien mit dramatischen Folgen für den Medienmarkt in seiner Gesamtheit. Nichts ist mehr, wie es gestern noch war, denn ein wesentliches Merkmal der neuen Medien ist die revolutionäre Schaffung alternativer Öffentlichkeiten und damit von individuell pointierter Meinungsbildung, unabhängig von staatlicher Regulierung einerseits, aber auch jenseits der Trampelpfade des traditionell konventionellen Journalismus andererseits mit einer immensen Verschärfung des Wettbewerbs in der Medienwelt in der Konsequenz.

Auch dieser neue, ganz andere, unbeschränkte, permanente und globale Kommunikationsprozess freilich braucht eine konkrete, physikalisch räumliche Basis, auf der sich Menschen bewegen, interagieren und arbeiten, Texte entwickeln und redigieren, Bilder bearbeiten und Blattseiten gestalten können. Die digitale Technik hat das journalistische Handwerk binnen weniger Jahre zwar revolutionär verändert, aber auch Online-Redakteure benötigen Arbeitsplätze, mögen diese auch noch so flexibel konzipiert sein. „Workplace Solutions“ lautet das Stichwort, das induktiv Einfluss nimmt auch auf die Architektur von Verlagsgebäuden in der digital vernetzten Welt. Spektakulär nicht zuletzt auf die des neuen Springer- Verlagsgebäudes in Berlin.

An der Spitze des Fortschritts

In punkto digitaler Transformation der Verlagsbranche beansprucht die Axel Springer SE in Deutschland schon seit Jahren an der Spitze des Fortschritts zu marschieren. Und das durchaus nicht zu Unrecht. Als andere Verlage noch zögerlich das sich technologisch dramatisch verändernde Umfeld diskutierten, waren bislang analoge Geschäftsmodelle im alten Verlagshaus an der Koch-Straße bereits ins Digitale transformiert worden. Und das wirtschaftlich erfolgreich. Und nun also ein Neu- und Ergänzungsbau, der das traditionelle Verlagsimperium zusammenführen soll – und das in einem Viertel Berlins, das speziell im ersten Drittel des letzten Jahrhunderts von Verlagen geprägt wurde und in einem Atemzug zu nennen war mit dem Times Square in New York und der Fleet Street in London. Schon seit den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts nämlich gab es entlang und beiderseits der Koch-Straße renommierte Pressehäuser – wechselvoll und teilweise auch unrühmlich in ihrer Geschichte, wie die deutsche Geschichte selbst, zum Beispiel in der Nazizeit.

Ein Satz von epochaler Symbolik

Die Kochstraße, an der Axel Cäsar Springer Anfang der 60er-Jahre im letzten Jahrhundert direkt an der Mauer sein Verlagshochhaus bauen ließ mit Blick hinüber in die DDR, die in seinen Blättern in Anführungszeichen gesetzt werden musste, heißt schon längst Rudi Dutschke-Straße. Am 11. April 2018, dem 50. Jahrestag des Attentats auf Rudi Dutschke, räumte Matthias Döpfner, heutiger Chef des Verlagshauses, eine Mitschuld der Springer-Blätter am Tod des legendären Studentenführers ein „Die Stimmung damals war aufgeheizt und wurde leider auch durch Texte in den Zeitungen von Axel Springer mit verstärkt“, erklärte Döpfner in einem Statement auf bild.de. Es sei gut, so Döpfner weiter, dass heute „in Kreuzberg die Axel Springer-Straße auf die Rudi Dutschke-Straße trifft.“

Fürwahr, ein Satz von epochaler Symbolik –  verlegerisch garniert durch die Tatsache, dass auch die taz ihren Verlagssitz in der Rudi Dutschke-Straße unweit des Springerverlags bezogen hat.

Und nur einen Straßenzug weit entfernt von diesem in Straßennamen verewigten Aufeinandertreffen zweier monumentaler Antipoden deutscher Nachkriegsgeschichte entsteht nun ein Verlagshaus mit dem architektonischen Rüstzeug zur Kultivierung einer zukunftsfähigen Medienmoderne, die für sich in Anspruch nehmen darf, beispiellos zu sein in all ihren Dimensionen.

Auf der Suche nach einer neuen Arbeitswelt

In dem von dem niederländischen Architekten Rem Koolhaas mit filigraner Finesse entworfenen, futuristisch anmutenden Kubus mit einem 30 Meter hohen, dem gesamten Objekt durchlässige Transparenz verleihenden Atrium, getönten Glasflächen und Bauelementen in 3D-Optik, die die Fassade bilden, werden einmal rund 3.500 Menschen arbeiten – und zwar in einer Umgebung und an Arbeitsplätzen, die beanspruchen, menschengemäße Maßstäbe einer besonderen Arbeitskultur in Architektur zu implantieren. Gemäß eigenem Anspruch nämlich ist die Axel Springer SE immerhin auf der Suche nach einer neuen Arbeitswelt, durchaus vielversprechend unterlegt durch neu geschaffene Event-Formate wie das „New Work Round Table“, das die Hoffnung reifen lässt, auf dem 10.000 Quadratmeter großen Areal zwischen Schützen-, Zimmer- und Jerusalemer-Straße quasi modellhaft ein Gebäude entstehen zu lassen, das der Arbeitswelt 4.0. großzügig jenen Gestaltungsspielraum gewährt, der zwanglos Kreativität und Spiritualität durch das mutige Aufbrechen von Räumen, Formen und Funktionen fördert.

Die mittlerweile vor dem alten Springer-Hochhaus als Steinskulptur beheimatete Eule der Minerva, Sinnbild und Erbe des in Teilen noch zu Springer gehörenden Ullstein-Verlags, startet ihren Flug dann vielleicht nicht erst in der Dämmerung, wie noch Hegel gemutmaßt hatte. Nein. Koolhaas sei Dank fühlt sie sich vielleicht angezogen von der elementaren Zeitlosigkeit eines beispielhaft raffinierten Bauwerks, an dessen inspirierenden Lichtfluten eines fast schon porös anmutenden Baukörpers sie sich fliegend auch tagsüber laben möchte. Denn der Flügelschlag der Minerva ist gewiss ein Gewinn für jedes mediale Produkt. Speziell in der Medienwirklichkeit 4.0.

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