Digital Innovation

Alle reden von Sprints, aber die digitale Revolution ist ein Marathon: Schafft es Deutschland, China und die USA auf die Distanz einzuholen?

Die digitale Revolution ist ein rasanter, radikaler und unbequemer Prozess mit ungewissem Ausgang. Sie gleicht einem nicht immer fairen Rennen, an dem wir alle, ob wir wollen oder nicht, längst teilnehmen. Der Sieger dieses globalen Wettbewerbs sichert sich wirtschaftlichen Wohlstand und politischen Einfluss. An der Spitze laufen derzeit, mit großem Abstand zu allen anderen Ländern, China und die USA. Deutschland quält sich im europäischen Mittelfeld. Und das, obwohl unsere Wirtschaftsleistung derzeit weltweit zu den vier größten zählt. Wollen wir etwa langfristig gar nicht vorne mitspielen?

Digitalisierung: Was bisher geschah

Schon 1974 strahlte der WDR eine Fernsehsendung mit dem Titel „Digitaltechnik, eine Einführung“ aus. Sie sprach eine Vielfalt von Themen an: von der Digitalisierung elektronischer Steuerungen über die Umwandlung analoger Phänomene wie Schall bis hin zum Internet. Die Zuschauer konnten beobachten, wie digitale Signale begannen, die Wirklichkeit zu verändern. Ganz allmählich schlichen sich diese in Bildung, Freizeit und Wirtschaft ein.

Die erste E-Mail wurde in Deutschland 1984 versandt, Ende der 1980er zog sie ins Alltagsgeschehen ein. Etwa zur gleichen Zeit stieg die Gefahr, durch PowerPoint-Folien ins Jenseits befördert zu werden (allgemein bekannt als „Death by PowerPoint“). Im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts spannte sich das World Wide Web um unseren Planeten. 1995 verkaufte Amazon sein erstes Buch online. Zwei Jahre später ging eine Suchmaschine namens Google an den Start.

Wir hatten also theoretisch sehr viel Zeit, uns mit den praktischen Auswirkungen der alles umfassenden Digitalisierung auseinanderzusetzen. Wir hätten die Trainingsphase etwas besser nutzen sollen.

German Angst: Ursache für einen Dauerzustand der teilnehmenden Beobachtung

In internationalen Teams nimmt der Deutsche automatisch die Rolle des Bedenkenträgers ein. Einfach mit einer Aufgabe loslegen? Geht nicht. Ein unreifes Produkt auf den Markt werfen? Schierer Irrsinn. Die Bestrebungen, alles bis ins Detail genau zu planen und jeden Krümel kritisch zu beäugen, lassen sich durchaus positiv bewerten und könnten einen Wettbewerbsvorteil bedeuten. Doch die gesunde Skepsis weicht nicht selten einer unbegründeten Angst und genau die lähmt uns. Der Begriff „German Angst“ steht längst für die typisch deutsche Zögerlichkeit. Gelegenheiten schnell zu ergreifen, das liegt uns nicht. Wir schauen lieber erst einmal zu, warten, warten noch ein wenig länger, im dümmsten Fall bis es zu spät ist.

Die deutsche Automobilindustrie bietet sich als plastisches Beispiel dafür an, wie hierzulande Fakten zugunsten der Erhaltung des Status quo ignoriert werden. Für Elon Musk und Tesla hatten die Manager der weltweit branchenführenden Konzerne zunächst nur Häme übrig. Bei allen wirtschaftlichen Schwierigkeiten von Tesla und dem bisweilen höchst exzentrischen Auftreten des CEO, fest steht, dass sich die alte Riege hier sicher nicht mit Ruhm bekleckert hat. Statt frühzeitig alternative Antriebstechnologien auszuprobieren, griffen die Verantwortlichen lieber zu unlauteren Methoden, um ihre bestehenden Produkte so lange wie möglich auf dem Markt zu halten. In seinem Vortrag „Core Competence – Shift Happens!“ wirft ihnen Prof. Dr. Gunter Dueck zu Recht Ambitionslosigkeit vor und einen Dauerzustand der teilnehmenden Beobachtung.

Es wundert nicht, dass der prozentuale Anteil der Unternehmen in Deutschland, die sich bei der Digitalisierung als Vorreiter sehen, gerade einmal 35 Prozent beträgt (Quelle: brand eins, 03/2019). Aber bleiben wir wirklich nur zurück, weil wir von Natur aus nicht anders können? Mitnichten.

Statt funktionierender Infrastruktur: Ein Labyrinth voller Stolperfallen und verriegelter Zwischentüren

Erklären sich Entscheider im Lauf um die Zukunft bereit, ihrem Wesen zum Trotz, einfach mal zu machen, hindern sie zahlreiche Hürden daran, die nächste Etappe zu erreichen. Die EU führt einen Index für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft – dort belegt Deutschland insgesamt Platz 14. Hinter Österreich. Hinter Luxemburg. Hinter Estland. Bei der Integration der Digitaltechnik in öffentliche Dienstleistungen bewegen wir uns sogar auf den hintersten Positionen. Wir kommen schlecht vorwärts, weil wir uns buchstäblich durch Berge von Papier kämpfen müssen.

Gerade einmal 51 Prozent der deutschen Unternehmen dürfen sich über einen zeitgemäßen Internetanschluss freuen. Wir hinken beim Glasfaserausbau hinterher und haben die höchsten Stromkosten der Welt, sodass hier beheimatete Rechenzentren überlegen, auszuwandern. Unsere Infrastruktur bremst uns aus.

Und da wäre noch der Umgang mit Daten – die Digitalisierung lebt von ihnen. Wir brauchen eine Balance zwischen dem Schutz der Privatsphäre und der Erlaubnis, Daten zu nutzen. Doch statt Klarheit zu schaffen, verunsichert die Politik sowohl Verbraucher als auch Unternehmer. Es soll schon manch ein Finger vom ständigen Anklicken der Cookie-Hinweise auf Websites abgefallen sein. Weder Zensur noch Skrupellosigkeit eignen sich als Vorbilder. Ein bisschen mehr Realitätsnähe wäre hingegen wünschenswert.

Mitdenken erwünscht: Neue Arbeitswelten braucht das Land

Sind wir bereit, die Skepsis und all die Barrieren zu überwinden, müssen wir uns gleichzeitig dazu motivieren, bekannte Wege zu verlassen. Wir haben es uns in dem starren Regelwerk der Industrialisierung nur allzu bequem gemacht. Wolf Lotter erinnert an die neuen Anforderungen: „Das Schlagwort der Digitalisierung bedeutet das Ende einer Arbeitswelt, in der Fleiß über Kreativität steht. In der das Mitmachen wichtiger ist als das Selberdenken. Machen wir uns das klar genug?“

Vermutlich nicht. Denn Vorträge über agile Methoden allein katapultieren uns kaum in andere Dimensionen. Bisher verfolgt jedes vierte Unternehmen keinerlei Strategie zur Bewältigung des digitalen Wandels. Ignoranz hilft nicht weiter. Es gilt, Geschäftsmodelle völlig zu überdenken, aber vor allem Mitarbeiter für den Wandel fit zu machen. Der Gesetzgeber hat bei diesem Prozess die Macht, die notwendige Flexibilität zu ermöglichen, indem er sinnvolle Rahmenbedingungen schafft. Der Arbeitsalltag könnte dann weitaus attraktiver werden.

Digitalisierung: Nur als Mannschaftssport erfolgversprechend

Tauschen wir stumpfsinnige, repetitive Aufgaben gegen Kreativität ein, bekommen wir endlich die Möglichkeit, verschiedene Fähigkeiten viel besser zu entfalten. So steigt hoffentlich die Bereitschaft, immer wieder Neues dazu zu lernen, denn diese bildet die Voraussetzung dafür, dass wir überhaupt im Rennen bleiben. Und wenn immer mehr Menschen die digitale Revolution aktiv mitgestalten, erhöhen wir insgesamt unsere Chancen auf einen der besten Plätze. Obgleich das Tempo ständig anzieht: Falls wir wirklich wollen, avancieren wir zum Land der Dichter, Denker und Digitalexperten.

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