Energy & Sustainability

Kollektives Versagen? Henry David Thoreau, Gretas ziviler Ungehorsam und die Nachhaltigkeitsethik

Henry David Thoreau, US-amerikanischer Schriftsteller und Philosoph, gilt mit seiner 1849 publizierten Schrift „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegenüber dem Staat“ als wesentlicher Inspirator etwa von Mahatma Gandhi oder Martin Luther King in deren gewaltfreiem Kampf gegen die Diskriminierung von Minderheiten und gegen die Rassentrennung.

Schule hin, Schule her

Greta Thunberg dürfte Thoreau eher nicht gelesen haben. Im realen Leben jedoch erweist sie sich mit ihrer Fridays for Future-Bewegung als gelehrige Schülerin des „Ungehorsams-Philosophen“. Der Kampf gegen den Klimawandel, das, so will es scheinen, Lebensthema der jungen schwedischen Aktivistin, trifft auf jeden Fall einen Nerv der Zeit. Immer wieder führen Jugendliche weltweit freitäglich die Schulpflicht ad absurdum, Gretas Credo folgend, dass es sich beim Klimawandel um die größte Krise der Menschheitsgeschichte handele und gerettet werden müsse, was noch zu retten sei. Schule hin, Schule her. Die 16-jährige selbst setzt den Schulgang sogar für ein ganzes Jahr aus, auch in dieser Hinsicht an Thoreau erinnernd, der zwei Jahre in einer selbst gebauten Hütte im Wald lebte, fernab von jeglicher Zivilisation, um zu zeigen, mit welch bescheidenen Mitteln Menschen ein gutes Leben führen können.

„Experiment“ im Wald

Über zwei Jahrhunderte hinweg eint Thoreau und Greta die Sorge um die Zukunft der Menschheit. Beide mahnen zur Mäßigung in der Lebenshaltung speziell in der zivilisierten Hemisphäre, damit an eine der vier Primärtugenden anknüpfend, die seit Sokrates in der okzidentalen Morallehre Gültigkeit beanspruchen dürfen. Wie schreibt Thoreau über sein „Experiment“ im Wald, wie er es nennt? „Das meiste von dem, was man unter dem Namen Luxus zusammenfasst, und viele der sogenannten Bequemlichkeiten des Lebens sind nicht nur zu entbehren, sondern geradezu Hindernisse für den Aufstieg des Menschengeschlechtes. Was Luxus und Bequemlichkeiten anbelangt, so haben die Weisesten immer ein einfacheres und ärmlicheres Leben geführt als die Armen. Niemand war ärmer an äußern Reichtümern als die alten chinesischen, indischen, persischen und griechischen Philosophen, niemand aber auch so reich an innern.“

Vergleich mit dem Leben in Wigwams bei den Indianern

Aber Thoreau geht noch weiter. Im Vergleich mit dem Leben in Wigwams bei den Indianern schneidet der „zivilisierte“ US-Amerikaner des 19. Jahrhunderts schlecht ab: „Bei den Wilden hat jede Familie ihr Obdach, ihre Wohnung, die den Vergleich mit jeder anderen aushält und für gröbere und einfachere Bedürfnisse genügt… In großen Städten, wo die Zivilisation am meisten vorherrscht, beträgt die Zahl derjenigen, welche Wohnungseigentümer sind, nur einen kleinen Bruchteil der Gesamtbevölkerung. Der Rest bezahlt eine jährliche Steuer für dieses äußerlichste Kleidungsstück, das für Sommer und Winter unentbehrlich geworden ist, welche hinreichen würde, ein ganzes Dorf indianischer Wigwams aufzukaufen, so aber dazu beiträgt, die Betreffenden, solange sie leben, arm zu behalten. Ich will mich hier nicht näher auf den Nachteil einlassen, den die Miete gegenüber dem Besitz aufweist, doch ist es klar, dass der Wilde ein eigenes Haus besitzt, weil es so wenig kostet, während der zivilisierte Mensch gewöhnlich eines mietet, weil er die Mittel nicht hat, es zu besitzen; auch wird im Lauf der Zeit das Mieten nicht leichter.“

Ein an den natürlichen Lebensbedingungen orientiertes Leben

Und was schreibt Thoreau schlussendlich der zivilisierten Gesellschaft ins Stammbuch? „Wenn behauptet wird, dass die Zivilisation wirklich ein Fortschritt für die Menschen bedeute…, so muss auch nachgewiesen werden können, dass sie bessere Wohnungen schuf, ohne sie zu verteuern…“

Was für ein Befund! Wesentliche Komponenten der – in der Sache, nicht dem Begriff nach – „Nachhaltigkeitsethik“ der Thoreaus und Thunbergs sind ein an den natürlichen Lebensbedingungen orientiertes Leben und die Versorgung aller Menschen mit bezahlbarem, klimaneutralem Wohnraum. Anerkennen wir diese beiden Komponenten einer heutzutage hin und her diskutierten Nachhaltigkeitsethik als essentiell, müssen wir nolens volens auch eine brutal einfach Diagnose akzeptieren. Und die lautet: Kollektives Versagen auf der ganzen Bandbreite eines verantwortungsbewussten Umgangs mit unserer Zukunft.

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