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Warum Bremen in Sachen Logistik-Fachkräftenachwuchs absoluter Vorreiter ist

Die Prognosen sind nicht besonders ermutigend. Nicht, was die Logistik und ihre Immobilien angeht. Die boomt laut den neuesten Marktzahlen gewaltig. Bestmarken, wohin man schaut. Ganze 84 Prozent mehr wurden 2017 in Logistikimmobilien investiert als noch ein Jahr zuvor. Und nie war der Anteil von Logistik am gesamten gewerblichen Transaktionsvolumen mit 15 Prozent so hoch wie jetzt. Was kein Wunder ist bei dem immer noch weiter wachsenden E-Commerce-Volumen. Das nicht nur mehr und mehr Fläche braucht, sondern vor allem auch (digitale) Lösungen für die Letzte Meile in Metropolregionen, Lager- und Kommissionierprozesse oder etwa den Einsatz von Robotik.

Düster sieht’s allerdings bei Fachkräften und Nachwuchs aus, die genau für diese Entwicklungen benötigt werden. Overall wird das Thema schon lange diskutiert, aber speziell in der Logistikbranche verschärfen sich die Prognosen. Denn mit dem Maße, in dem das Geschäft mit und in der Logistik steigt, kann die Nachwuchszahl nicht mithalten. Hinzu kommt, dass es nicht nur um die reine Zahl geht, sondern auch um das verschärfte Anforderungsniveau, das das technologische Voranschreiten erfordert.

Letztlich liegt die Herausforderung klar auf der Hand. Die Logistikbranche konkurriert in ihrem gesamtwirtschaftlichen Umfeld immer intensiver um immer weniger werdenden jungen, gut ausgebildeten Nachwuchs, der neben Technologie-Affinität auch Führungs- und Management-Qualitäten braucht. Die besten Chancen, im War on Logistic Talents zu bestehen, hat ganz klar, wer dicht an Bildung und Forschung dran ist, diese gezielt fördert, mit konkret-praktischen Entwicklungschancen verknüpft und attraktive Einstiegs- wie Entfaltungsmöglichkeiten eröffnet. Das gilt für Unternehmen genauso wie für Städte und Regionen.

Erfolgreiche Forschungs-Wirtschafts-Kombi von Bremen. Ein Beispiel.

Die Logistik in Bremen macht allen vor, wie’s gehen kann. Mit Celluveyor zum Beispiel. Was klingt wie ein hautverjüngendes Kosmetikprodukt, ist eine geschickte Zusammensetzung aus „cellular“ und „conveyor“, das relativ einfach mit „zellulare Fördertechnik“ übersetzt werden kann. Man denkt nicht unbedingt, dass etwas so lange schon Existierendes und Funktionierendes wie ein Laufband noch grundlegend verändert werden kann. Doch sind alle herkömmlichen Systeme starr und wenig flexibel einsetzbar hinsichtlich unterschiedlicher Förderziele oder Paketgrößen und -formen.

Der Celluveyor besteht, ähnlich wie ein Lego-Baukasten, aus kleinen sechseckigen Modulen, in die je drei Allseitenräder eingebaut sind. Und von denen jedes für sich individuell bewegt werden kann. So können mehrere Pakete gleichzeitig und unabhängig voneinander in ganz verschiedene Richtungen transportiert werden. Alles vollautomatisch steuer- und nachvollziehbar über eine Software, die die Pfade berechnet, auf denen Pakete fahren sollen. Ein völlig individuell anpassbares Förder- und Sortiersystem – die perfekte Marktlücke im wachsenden E-Commerce-Geschäft, in dem Unternehmen flexibler reagieren und schnell umgestalten müssen.

Entstanden sind Idee und Technik an der BIBA, dem Bremer Institut für Produktion und Logistik, einem An-Institut der Universität Bremen, das vor allem anwendungsorientiert forscht. Mittlerweile sind die drei studentischen Erfinder die Köpfe ihres daraus entstandenen Logistik-Startups cellumation. DHL hat bereits getestet und Einiges dazu beigetragen, dass die technischen Absätze zum marktfähigen Produkt reifen konnten.

Zwar waren hier die genial-einfache Idee und Umsetzung grundlegend für den Erfolg, aber lange nicht allein ausschlaggebend. Ein Förderprogramm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) griff auch finanziell bis zur Marktreife unter die Arme. Hinzu kam die Unterstützung durch lokale Initiativen, wie dem BRUT Programm der Bremer Aufbau-Bank und der Wirtschaftsförderung Bremen. Auch deshalb wird die Bindung der cellumation GmbH an ihren Hauptsitz Bremen bleiben – und so auch künftig zum Logistikwachstum der Region beitragen.

Insgesamt sind so und in ähnlicher Weise bereits viele neue Unternehmen gestartet. Was bei der logistischen Bildungslandschaft von Bremen auch kein Wunder ist.

Dynamisch durch verwobene Forschung

In Bremen leben Hochschulen, Forschung und Studiengänge nicht einfach „nebeneinander her“ oder verstecken ihre Lorbeeren voreinander, sondern ziehen ganz bewusst und vor allem organisiert an einem Strang. Im Forschungsverbund LogDynamics forschen 15 Arbeitsgruppen aus vier Fachbereichen der Universität mit der BIBA, dem Institut für Seeverkehrswirtschaft und Logistik (ISL) und Professoren der Jacobs Universität mit lokalen wie nationalen und internationalen Partnern interdisziplinär zum Thema Logistik. Es geht nicht nur um Technisches – Voraussetzung für eine wirtschaftliche Tauglichkeit ist die Kombination aus Physik, Elektrotechnik, Mathematik, Informatik, Produktionstechnik und Wirtschaftswissenschaften.

Ziel ist vorrangig ein beidseitiger Wissenstransfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft – was theoretisch entwickelt wurde, wird sofort praktisch umgesetzt. Umgekehrt fließen die praktischen Erfahrungen zurück in die Weiterentwicklung. Hinzu kommt das gemeinsame Auftreten der einzelnen Fakultäten und Institute nach außen, vor allem im Nachwuchs-Marketing. Das schafft Aufmerksamkeit und ist für viele Schulabgänger ein überzeugendes Argument bei der Wahl einer Universität oder auch des künftigen Arbeitgebers. Zusätzlich lockt die in den LogDynamics-Verbund integrierte und zukunftsgerichtete Doktorandenschule „International Graduate School for Dynamics in Logistics“ mit der Möglichkeit, schon früh hohe Weichen für die eigene Karriere zu stellen.

Was eng verwoben klingt, ist genau deswegen umso dynamischer mit Blick auf Neuentwicklungen, die praktisch wirklich brauchbare Logistiklösungen bringen. Und den Unternehmen wie Daimler oder die BLG Logistics Group, die bei der Entwicklung beteiligt waren und diese so als erste testen und nutzen, einen oft schwer einholbaren Vorsprung bringen. Über den Zahn der Zeit hinaus sein, stets dran an der neuesten Forschung und vernetzt mit lokalen Unternehmen und internationalen Experten – kurz: ein Hauch Silicon Valley Spirit – ist attraktiv für Talente und unabdingbar dafür, die Begabtesten auch im eigenen Land, in der eigenen Region zu halten.

Wo Startups von Beginn an ein Netzwerk haben

Wie gesagt, entstehen aus diesem wirtschaftlich orientierten Forschungsverbund nicht selten Startups, die ganz neue Lösungen anbieten. Das ist so gewollt und wird gefördert. Systematisch, sinnvoll, zielgerichtet. Und in enger Partnerschaft mit der Wirtschaft. Behörden, Banken, Förderinstitute und Bremer Global Player wie Daimler, Airbus oder der Satellitenbauer OHB sind Startup-Ratgeber, Förderer und Partner in einem. Das macht den Start leicht oder zumindest weniger schwer – vor allem für Technik-Tüftler, die wirtschaftliche Starthilfen für eine geniale Idee brauchen.

Mehrere Netzwerke und Programme helfen beim Start in Bremen. Die bekanntesten heißen – und die Namen sind schon kreativ und motivierend – B.E.G.IN und BRUT und begleiten Existenzgründer mit Beratung, Coaching in Betriebswirtschaft, Akquise, Vertrieb und Businessplanung oder bieten auch spezielle Finanzierungsmöglichkeiten an. Letztere gibt’s in Bremen auch schon auf die neue Art: Über die Crowdfunding-Plattform Schotterweg wurden in zwei Jahren für 60 regionale Projekte über 290.000 Euro gesammelt. Hinzu kommen Initiativen aus der Privatwirtschaft: Im kraftwerk city accelerator oder bei team neusta wachsen junge Startups in Inkubatoren heran und finden so Anschluss an etablierte Branchengrößen.

Typisch für Bremens Blick nach vorn ist auch die DIGILAB Brennerei 4.0, die in Kooperation mit dem Bremer Lehrstuhl für Mittelstand, Existenzgründung und Entrepeneurship (gibt es auch nicht überall!) jungen wie auch alten Unternehmen dabei hilft, digitaler zu werden, Prozesse zu optimieren, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln und die entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen. Eigenschaften, die unser Nachwuchs sucht – oder mittlerweile sogar zur unabdingbaren Voraussetzung gemacht hat.

Und mit Blick auf die Logistikimmobilie?

Der Teamgeist von Bremen und der Wille zusammenzuwirken, zeigt sich auch in seinen Gewerbeparks. Im Bremer GVZ unterscheidet man sich bewusst vom „normalen“ Gewerbegebiet. Ansässige Unternehmen kooperieren überbetrieblich und nutzen Synergien von der Zusammenarbeit bei der Nachwuchsausbildung über die Verhandlung mit Kommunikations- und Versorgungsanbietern bis hin zur Erwirtschaftung von Kostenvorteilen. Das ist in dieser Art und Ausprägung einmalig unter den deutschen Güterverkehrszentren.

Fazit

Natürlich liegt der Status von Bremen als zweitgrößter Logistikstandorts Deutschlands an seiner Lage und Infrastruktur sowie seinem Hafen. Aber das entscheidende Quäntchen hin zu einem Logistik-Eldorado für Weiterentwicklung und Fortschritt kommt durch die einzigartige Verbindung aus Wirtschaft und Wissenschaft. Die dem Nachwuchs eine an der Zukunft ausgerichtete Ausbildung, höchstmögliche Abschlüsse und einen fließenden Übergang von der Forschung in die Praxis und Unternehmens- oder Unternehmertätigkeit bietet. Und wo gut ausgebildeter Nachwuchs für Innovationen sorgt, da wird auch der Bedarf an Flächen – sowohl für Lager- als auch Fertigungshallen – nicht versiegen. Insofern ist Bremen auch mit Blick auf den Markt für Logistik- und Industrieimmobilien einer der interessantesten Spots im gesamten Bundesgebiet – jetzt und vor allem in den kommenden Jahren.

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Eine Antwort auf “Warum Bremen in Sachen Logistik-Fachkräftenachwuchs absoluter Vorreiter ist

    Michael Berger sagt:

    Danke für den informativen Artikel! Die Unternehmen finden es immer noch schwierig, Prozesse und Technologien miteinander zu verbinden. Das scheint das größte Problem zu sein. Die ganze Problematik ist hier ganz gut beschrieben: https://www.epg.com/de/logistik-know-how/fachartikel/detailseite/die-naechste-entwicklungsstufe-der-logistik/

    Grüße,
    Michael

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