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Wo R2-D2 kommissioniert, stirbt der Mensch aus in den Lagerhallen. Stimmt das so?

„Und hier mein Partner, R2-D2.“ So wurde der süß-smarte und mittlerweile weltweit bekannte Droid von seinem nicht minder künstlich-intelligentem Gefährten C-3PO vorgestellt, als Star Wars 1977 zum ersten Mal über die Kinoleinwände flimmerte. Von da an standen beide stets gemeinsam auf der guten Seite der Macht und formten unsere Vorstellung von Künstlicher Intelligenz und nahezu menschenähnlichen Robotern.

Und auch abseits des Zelluloids sind reale Ableger der beiden Droiden zu unseren Partnern geworden. Nicht als Weltall-Abenteuer-Kumpane oder blinkende Helfer in Darth-Vader-Not, sondern als Lageristen-Kollegen unterm Logistikimmobilien-Dach. Der bei Innovativem meist ganz vorne mitsingende Versand-Riese Amazon setzt in verschiedenen seiner europäischen Fulfillment-Zentren, darunter auch in Winsen bei Hamburg, mittlerweile mobile Roboter ein und auch der britische Online-Lebensmittel-Einzelhändler Ocado hat seinen „Bienenstock“. Schwärme von Robotern bringen die bestellten Waren zu den Kommissionierern – gesteuert von der firmeneigenen Technologie. Eine Ausweitung in andere Fulfillment-Center des Unternehmens ist geplant, etwa 2020 für Paris. DHL schwört auf metallene Muskelkraft und setzt seinen „Sawyer“, ausgestattet mit Gelenkarm und Sauggreifer, bei der Verpackung von Produkten ein. Und letztlich stellen auch die noch nicht wirklich praktikabel ausgereiften automatisiert fahrenden LKWs eine weit fortgeschrittene Version von Robotern – hier eben im Bereich Transport – dar.

Noch spielt sich das alles auf einem quantitativ niedrigen Niveau ab und ist längst nicht flächendeckende Realität in unseren Lagerhallen. Aber wie wird das in zehn oder zwanzig Jahren aussehen? Hält die Roboter-Kolonne Einzug oder bleibt das Ganze eher eine Nische? Wie verändert das unsere Logistikimmobilien? Was passiert mit den „menschlichen“ Arbeitsplätzen vom Entladen bis zum Versenden? Und spielt dann der Fachkräftemangel überhaupt noch eine Rolle?

„Vollautomatisierte Logistikhallen – wenn man im kompletten Sinne überhaupt davon sprechen kann – sind heute noch die große Ausnahme“, sagt Alexandra Tornow, EMEA Industrial & Logistics Research. „DHL hat dazu vor zwei Jahren eine Studie erhoben, nach der 15 Prozent aller Logistikflächen teilweise automatisiert sind und 80 Prozent noch weitestgehend manuell betrieben werden. Auch aktuell ist noch nicht abzusehen, wann und ob sich das wirklich grundlegend ändern wird – denn noch kann Robotertechnik komplexere Aufgaben im Logistikprozess noch längst nicht voll und ganz, und vor allem noch nicht präziser und schneller als der Mensch, erfüllen.“

Alexandra Tornow, Associate Director Research EMEA, JLL Germany
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„Dabei hätte das durchaus einige Vorteile“, sagt Frank Weber, Head of Industrial Agency JLL Germany. „Manuelle Tätigkeiten maschinell abzulösen kann Arbeitsprozesse – vorausgesetzt die Technik läuft einwandfrei – effizienter machen und Kostenvorteile heben. Das merkt man heute vor allem in der Logistik, die zum Beispiel das Kommissionieren von Waren zunehmend automatisiert. Ob nun das Regal mit den zu verpackenden Produkten zum „Picker“ fährt oder selbstfahrende Gabelstapler Paletten vom Wareneingang an den vorgesehenen Lagerort befördern – solche automatisierten Teilsysteme bzw. ihr Ablauf kann relativ leicht digital in die bestehende Warehouse-Management-Systematik eingebunden werden.“

Warum ist die Automatisierung dann nicht schon weiter vorangeschritten?

„Auch wenn die Technologie immer weiter voranschreitet und in der Theorie weitestgehend vollautomatisierte Lagerhallen möglich macht, stehen dem noch Hindernisse im Weg“, so Tornow. „Noch nicht alle Prozesse können heute tatsächlich von Maschinen schneller und akkurater ausgeführt werden als vom Menschen. Es gibt zwar bereits Roboterarme, die Waren aus den Regalen picken und diese auch noch selbstständig verpacken können, aber die Fehlerquote ist hoch genauso wie das Risiko, Waren zu beschädigen. Auch kleinere Artikel können von Maschinenfingern nicht gut gegriffen werden.“ Und Frank Weber ergänzt: „Die Herausforderung besteht vor allem in einer einwandfrei funktionierenden Kommunikation zwischen Mensch und Maschine. In der Intralogistik werden wahrnehmungsgesteuerte mobile Roboter, die über Laser Hindernisse und Lasten erfassen und über visuelle und akustische Warnsysteme verfügen, eingesetzt. Dennoch liegt auch vor der fortgeschrittenen Technik noch ein langer Praxis-Weg. Eine komplette Selbstständigkeit des Lagers bleibt erst einmal ausgeschlossen.“

Also wird die menschliche Arbeitskraft nicht weniger oder verschwinden?

„Nein“, sagt Frank Weber, „und auch auf lange Sicht nicht vollumfänglich. Komplexe Systeme wie vollautomatische Regallager oder Roboter passen nicht für jedes Arbeitsumfeld in Logistik oder Produktion.“ „Die wenigen ‚Vorzeigeflächen‘ einiger Onlinehändler, die Robotertechnik einsetzen, nutzen diese auch nach wie vor nur für bestimmte Segmente im Fulfillment-Prozess“, so Alexandra Tornow. „Die restlichen Segmente werden weiterhin von Lagermitarbeitern betreut – vor allem das Auspacken, Begutachten und Zuordnen der Bestellung an den jeweiligen Packstationen.“ Und das wird auch noch eine ganze Weile so bleiben. „Auch die verschwindend geringen Logistikflächen, die heute als vollautomatisiert gelten, beschäftigen eine nicht zu unterschätzende Anzahl an Mitarbeitern. Diese übernehmen eben auch verstärkt neue Aufgaben wie die Wartung der Maschinen oder die Überwachung der Software – nicht mehr unbedingt in der Immobilie selbst, sondern im Backoffice.“

Frank Weber, Head of Industrial Agency, JLL Germany
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Womit wir bei der Immobilie selbst angelangt wären, die sich – je nachdem wie groß die Änderungen im Arbeitsprozess künftig sein werden – mitwandeln muss. In letzter Konsequenz hieße das ja dann, viel mehr Räume für Technik, Wartung und Verwaltung zu brauchen. „Noch sind wir lange nicht so weit, die komplette Immobilie auf den Kopf stellen zu müssen“, sagt Frank Weber. „Aber mit Blick auf den Trend sollten Logistikimmobilien schon gerüstet sein oder gerade Projektentwicklungen bestimmte Aspekte schon mitdenken – denn für viele Nutzer wird das Thema durchaus relevanter. Wichtig sind ausreichende dimensionierte Stromanschlüsse und Platz für Batterieladestationen. Außerdem spielen auch Bodentoleranzen, Brandschutz und Traglasten eine Rolle. Wenn tatsächlich irgendwann einmal die meisten manuellen Aufgaben langfristig durch Roboter erledigt werden können und die Mitarbeiterzahl abnehmen würde, würde sich zum Beispiel logischerweise der Bedarf an Park- und Sozialflächen verringern.“

Sind andere Märkte schon weiter?

Klare Vorreiter gibt es – sicher auch aufgrund der oben genannten Punkte- bisher keine. „Zwar ist der asiatische Raum in Sachen Digitalisierung, künstliche Intelligenz und allgemeinem Einsatz von Robotern größtenteils führend, insbesondere auch, weil dort der Einsatz und das Arbeiten mit Robotern grundsätzlich toleriert bzw. als erstrebenswert angesehen wird“, so Tornow. „Aber auch hier gilt, asiatische Lagerhallen sind ebenfalls nur zu einem geringen Anteil automatisiert und beschäftigen auch dank nach wie vor geringer Arbeitslöhne noch immer eine große Anzahl an Arbeitern. Ähnliches lässt sich ebenfalls von den USA sagen – grundsätzlich ein Market aus dem viele Trends im Bereich Logistikimmobilien kommen.“ Wenn überhaupt sind eventuelle Vorreiter nicht in einer bestimmten Region zu suchen, sondern eher bei bestimmten Unternehmen. „Einige der großen Onlinehändler treiben – oft in Zusammenarbeit mit führenden internationalen Technologieunternehmen und Start-ups – den Trend in ihren eignen Flächen voran, testen viel und setzen so allmählich neue Standards in der Branche.“

Fazit

Licht aus für die Mitarbeiter – in Zukunft also eher unwahrscheinlich. Vielmehr werden Prozesse im Miteinander – Mensch mit Maschine und nicht umgekehrt – die wahrscheinlichere Norm der Zukunft sein. Was sich ändert, sind die konkreten Aufgaben an Fachkräfte im Industrie- und Logistikbereich, an die künftig neue und „technischere“ Anforderungen gestellt werden. Der Arbeitskräftemangel wird durch die Technologisierung also nicht abgeschwächt, sondern im Grunde eher noch verstärkt. Und R2D2? Der darf erstmal weiter im StarWars-Universum die gute Welt retten. Wann er unsere Lagerhallen flächendeckend erobern wird, ist noch nicht abzusehen.

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