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Das modernste Versandhaus der Welt will endlich wieder modern werden – das Quelle-Gebäude in Nürnberg

„Ich bin der Helle – der gute Geist von Quelle.“ Das notiert Gustav Schickedanz kurz vor seinem Tod 1977 in sein kleines Notizbuch, das sonst vor allem Namen, Zahlen oder Gedankenblitze enthielt. Was auf den ersten Blick ein wenig nach subjektiver Hybris klingt, entspricht durchaus objektiver Wahrheit. Denn der Quelle-Gründer und -Patriarch war zweifellos einer der herausragendsten deutschen Unternehmer des vergangenen Jahrhunderts und schuf, den Zeitgeist der Verbraucher zielsicher erkennend, eines der erfolgreichsten deutschen Unternehmen seiner Zeit. Ein Erfolg, der vor allem mit seiner Person verknüpft war und mit seinem Tod Schritt für Schritt unterging. Was bis heute geblieben ist, ist sein Vermächtnis im Bereich der Industrieimmobilien.

Es ist vor allem seiner Vision und seinem unbedingten Drang nach vorne zu verdanken, dass nur wenige Jahre nach Beginn des deutschen Wirtschaftswunders auf der Stadtgrenze zwischen Nürnberg und Fürth das – O-Ton Schickedanz – „modernste Versandhaus der Welt“ entstand. Eine leistungsfähigere Versandanlage hatte es bis dato kaum irgendwo anders gegeben und erst recht keine neuen Technologien – erstmalig wurde der Versand über elektronische Datenverarbeitung abgewickelt. Und so täglich bis zu 100.000 Pakete verschickt. Die Anlage, und auch ihre Planung, waren so komplex, dass kaum ein Entwickler wirklich Verantwortung für eine erfolgreiche Umsetzung übernehmen wollte. Aber die Weitsicht und vor allem auch Risikobereitschaft des Unternehmers hatten sich letztendlich bezahlt gemacht. Das Quelle-Areal war bereits Ende der 50er-Jahre das größte privatwirtschaftliche Data Center Europas, ein Vorreiter der Digitalisierung, und wurde zum Dreh- und Angelpunkt bundesweiten Versandhandels.

«Aber schee isses ja ned», würde der Nürnberger jetzt sagen.

Ja, das ist durchaus nachvollziehbar, rufen doch die 50er-jahre-Fassaden nicht unbedingt wohlige Emotion, Gemütlichkeit und Freude-an-der-Romantik-Pracht hervor, wie es Gründerzeit und Mittelalter-Burg in der Nürnberger Innenstadt tun. Aber dennoch übersieht man mit dieser Haltung eines der zweifellos herausragendsten Industriedenkmäler, die Nürnberg – und auch ganz Deutschland – zu bieten hat. Denn der Bau des Architekten Ernst Neufert, einer der ersten Schüler von Walter Gropius, verbindet seine innere Hochmodernität in geradezu vorbildlicher Weise mit den Prinzipien des Bauhaus-Stils.

Die großen, noch heute charakteristischen Fensterbänder – eingerahmt in eine gelbe Klinker-Fassade – dienen nicht einfach nur dem besseren Lichteinfall. Sie sind bewusst so inszeniert, um die hohe Effizienz bereits von außen anzuzeigen: Denn dahinter liefen, gut einsehbar von außen und scheinbar endlos, die Förderbänder mit den Waren entlang. Ein Schaufenster des West-Konsums. DAS Schaufenster der Betriebsamkeit und Produktivität. Architektur und Marketing-Instrument in einem.

Es sind auch sicher diese gleichmäßigen Fensterlinien, die das Gebäude nach außen hin kompakter und übersichtlicher wirken lassen, als es eigentlich ist. Denn im Inneren beeindruckt und verwirrt zugleich ein schier endloses Labyrinth aus Treppen, Innenhöfen, Sälen und Konferenz-Räumen. Mit Garantie zum Verirren – bis heute belustigt die Legende vom Cola-Mann, der an einem Freitagnachmittag eigentlich nur brav ein paar Automaten auffüllen wollte, irgendwann aber komplett lost war und schließlich per Feuermelder Rettung suchen musste. Gustav Schickedanz selbst hatte solche Probleme nie. Er war ständig auf Achse, hatte kein eigenes Büro im Gebäude, dafür aber einen Privateingang und eigenen Aufzug, mit dem er sich ruck zuck von einer Ebene in die andere bewegen konnte – auch so ein gebäudetechnischer Abdruck seiner enormen Dominanz.

Heute steht das historische Industrie-Landmark (ja, es hat diesen Namen Außen wie Innen verdient) bereits eine ganze lange Dekade lang leer – und gilt mit rund 250.000 Quadratmetern deutschlandweit als zweitgrößter Leerstand nach dem Flughafen Berlin-Tegel (der faktisch ja auch noch gar nicht leer steht). So, als staune man immer noch gelähmt angesichts der Tatsache, dass die außerordentlich weitsichtige Erfolgsunternehmung Quelle letztendlich untergehen konnte. Und auch aktuell scheint ohne Schickedanz die Inspiration auf einem so bedeutsamen Gelände verlorengegangen zu sein.

Denn die letzten Jahre waren vor allem ein munteres, aber letztlich tatenloses Ringelreihen aus Investoreninteressen und durcheinandergewürfelten Nutzungsideen. Von Shopping Center und Berufsschule über Büros für städtische Behörden bis hin zu einem neuen Heim für die Nürnberger Marktforschungsgruppe GfK oder den ersten Nürnberger Ikea war schon alles dabei und wurde quasi genauso schnell wieder verworfen oder aufgegeben, wie es aufgekommen war. Der helle, unbedingt das Eine durchsetzen wollende Geist fehlt eben.

Neue Hoffnung gibt es seit ein paar Wochen: Ein neuer Investor hat das «Brownfield» übernommen. Ein wiederbelebtes Areal wäre wünschenswert. Industriegebäude in ein gut funktionierendes, akzeptiertes und beliebtes Stadtquartier umzuwandeln ist allerdings herausfordernd und auf einem Gelände dieser Art auch nur mit Mut, ausgeprägter Tatkraft und zukunftsgerichtetem Geist realisierbar. Womit wir wieder bei den Schickedanz’schen Anfängen angelangt wären. Wir freuen uns, dass nun hoffentlich wirklich das Areal im neuen Glanz erstrahlen wird und schauen gespannt in die Zukunft!

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