My Building

My Building: Von Sisi, Elvis und einem umstrittenen Wohnprojekt – der Sprudelhof Bad Nauheim

„Ein Schutzmantel für die Madonna Sprudelhof.“ Was ehrfürchtig – ja, fast sakral – klingt, ist nüchtern betrachtet eher dem Wohnungsmangel im Frankfurter Umland geschuldet. Denn im Traditions-Kurort Bad Nauheim entsteht bald eine ganze Reihe an dreigeschossigen Maisonette-Häusern in bester Lage mitten im Stadtgebiet. Das allein ist nichts Besonderes. Wohnprojekte schießen derzeit schließlich überall aus dem Boden. Aber die Maisonette-Häuser werden nicht irgendwo gebaut, sondern direkt am und auf dem Park des historischen Sprudelhofs. Und der ist immerhin das größte geschlossene Jugendstilensemble Europas. Kein Wunder, dass hier die Meinungen auseinandergehen und die Angst vor einem Wirkungsverlust des Ensembles aufkeimt. Unbegründet, finden die Planer und Macher des Wohnprojekts. Die Häuser entstehen rechts und links der Sprudelhof-Eingänge, greifen nicht in alte Substanz ein und bekommen ein offenes, fünf Meter hohes, arkadenartiges Erdgeschoss zum Durchflanieren für Jedermann.

Kann das gelingen? Werden die neuen Häuser wirklich Schutzmantel sein oder doch eher Charme und allgemeine Zugänglichkeit nehmen? Und darf man so ein Architektur-Denkmal überhaupt mit energetisch-postmoderner Baustruktur verbinden?

Mal fern von aktueller Diskussion und Wertung – das Alte mit dem Neuen verbinden hat in Bad Nauheim und speziell im Sprudelhof Tradition. „Habe Ehrfurcht vor dem Alten und Mut, das Frische neu zu wagen.“ Der letzte Großherzog von Hessen-Darmstadt – Ernst Ludwig, regierte bis 1918 – wollte sich nicht unbedingt entscheiden müssen. Inspirierte und förderte mit seiner Maxime aber, und das durchaus bewusst, den gerade aufkommenden Jugendstil in seinem Herzogtum. Warum vorausgegangene Baustile ständig kopieren? Neue Architekturformen, inspiriert von der Natur, sollten her – kombiniert mit frischen Ideen aus Malerei und Kunsthandwerk. Und Bad Nauheim bot sich dafür an. Immerhin war auch hier gerade neue Frische ins Kurbad eingezogen. Ursprünglich Solbadeanstalt, hatten zwei findige Ärzte (wen’s interessiert: August und Theodor Schott) die Kohlensäure der Nauheimer Sole zum garantierten Mittel zur „Stärkung des geschwächten Herzens“ erklärt und das dann auch noch nachgewiesen. Entsprechend populär wuchs Nauheim zum Kurbad für betuchte Herzkranke heran, fernab der Industrialisierungsschlote. 1898 zog sogar Österreichs Kaiserin Sisi – und die geht eben immer ans Herz – für ein paar Wochen ein. Verschwand dann aber ganz plötzlich wieder, fast fluchtartig ohne Begleitung und Gepäck.

Ob das der Grund war, dass der beflissene hessische Großherzog ein paar Jahre später seinen besten Jugendstilarchitekten mit Umbau und Erweiterung der Badeanlagen beauftragte? Prunkvoller sollte es werden. Kreativ. Neu und trotzdem traditionsreich. Vital-Lebendig. Und das Schöne mit dem Praktischen verbinden. Genau das hat der damals aufstrebende Architekt Wilhelm Jost geschafft. Indem er Arkadengänge, Innenhöfe und Empfangshallen zum Entspannen, Ruhefinden und wachmachendem Austausch schuf. Und Neobarockes mit neuen Jugendstil-Formen verband. Highlight waren und sind die Schmuckelemente. Fische, Seepferdchen, Muscheln, Nixen, Blubberbläschen, Wellen – alles weist auf das in Bad Nauheim alles Entscheidende hin: das Wasser und seine Gesundheit spendende Kraft. Zwischen den sechs Badehäusern wird’s dann sogar richtig nass. Zwei Brunnen sprudeln bis heute. An kalten Tagen steigt Nebel auf. Mystisch. Und perfekt zum Abschalten und Abtauchen in vergangene Zeiten.

Wer will da noch den langen Weg zur andalusischen Alhambra auf sich nehmen? Das sagte sich wohl auch die damalige Prominenz rund um Zar Nikolaus II, Einstein, Kästner, Alfred Krupp und Richard Strauss, die dem Badebetrieb Hochkonjunktur und der Stadt fürstliches Jet-Set-Prestige bescherte. Auch Elvis lebte während seiner Militärzeit zeitweise hier. Und wurde später zu einem noch größeren Star. Kein Wunder bei der inspirierenden Umgebung. Heilwasser verleihen eben ganz spezielle Kräfte, wie wir spätestens seit einem gallischen Druiden mit großem Zinktopf wissen. Apropos Zinktopf oder Wanne. Die Bad Nauheimer Badewannen verschwanden übrigens nach jedem „Kurgang“ im Boden und wurden völlig unbemerkt vom noblen Publikum gereinigt – dank eines unterirdischen Gängesystems, über das auch Öle, Handtücher und sonstige Annehmlichkeiten die Gäste erreichten.

Bis heute liegt es klar vor Augen, dass der Sprudelhof Höhepunkt und verdichteter Ausdruck einer wirtschaftlichen Erfolgsentwicklung des Wetterauer Städtchens war. Nicht umsonst feiern die Bad Nauheimer bis heute kein Ernte-, sondern gleich das Quellendankfest.

Und Entwicklung dreht sich eben ständig weiter. Was auch immer passiert mit dem Sprudelhof und den neuen Wohnbauten drumherum – ein Besuch und schlendernder Wandelgang durch die Arkaden ist immer wieder eine Reise in die Vergangenheit. Genau dieses Gefühl ist es, was auf jeden Fall erhalten bleiben sollte. Und auch mit modernem „Schutzmantel“ wird Bad Nauheim bzw. der Sprudelhof, davon bin ich überzeugt, auch weiterhin einer der besten Wochenend-Geheimtipps für die Frankfurter und darüber hinaus bleiben.

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