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MyBuilding: Der Kanzlerbungalow – ein Fremdkörper in der Bonner Republik

Der Kanzlerbungalow setzte stilistische Standards und blieb dennoch unbeliebt.

Ein Einblick von Peter Lausmann

Selten dürfte sich eine solche politische Zeitenwende in einer Wohnimmobilie abgespielt haben: Im einen Raum rollt Gerhard Schröder die Zigarre zwischen den Fingerspitzen, nippt genüsslich am Barolo und spielt im Kopf vielleicht schon das Fotoshooting im Brioni-Anzug durch – lacht mit der Führungsspitze der kommenden SPD-Regierung. Nur wenige Meter weiter und nur durch dünne Wände getrennt sitzt der gerade abgewählte Helmut Kohl über den Schreibtisch gebeugt und ordnet sein politisches Erbe. In jenem Herbst 1998 endet in Deutschland eine Ära und eine neue beginnt – extrem verdichtet im Bonner Kanzlerbungalow, dem Wohn- und Empfangshaus des deutschen Regierungschefs.

Quelle: Wüstenrot Stiftung

Es ist die Absurdität des Moments, dass ausgerechnet in dem Haus, mit dem Architekt Sep Ruf 1964 der jungen Bonner Republik Offenheit und Transparenz schmackhaft machen wollte, zwei Welten aufeinandertreffen, die sich voneinander abschotten. Mehr noch: Eigentlich können sie beide nichts mit dem Bungalow zwischen Kanzleramt und der alten Villa Hammerschmidt anfangen. Obwohl der Pfälzer Kohl das Haus 16 Jahre nutzt, wird er mit der offenen und schlicht-pragmatisch Innenaufteilung nie wirklich warm. Schröder denkt bereits an den neuen Dienstsitz in Berlin. So läuft es auf einen Kompromiss hinaus: Der Neue nutzt nur den repräsentativen Teil, der Alte kann vorerst den Privatbereich weiter bewohnen. Ein ganzes Jahr lang.

So endet die politische Geschichte des Hauses wie sie immer war: Als bescheidener, aber stilvoller Fremdkörper im Herzen der Politik. Bauherr und Kanzler Ludwig Erhard war vielleicht der einzige, der sich wirklich für den modernen Zweckbau begeistern konnte. Eine Konstruktion aus Glas und Stahl, die fließend in den Garten Richtung Rhein überging – frei vom Mief der Nachkriegsjahre. Die Bonner spötteln in Anlehnung an den Auftraggeber und nennen es „Ludwigslust“. Sep Ruf und sein Werk sind seiner Zeit zu weit voraus.

Letztlich bemüht sich auch niemand, es einzuholen. Erhards Nachfolger Kurt-Georg Kiesinger vermisst die „Behaglichkeit“, freut sich aber zumindest über den Pool. Willy Brandt zieht erst gar nicht ein und Helmut Schmidt beschimpft das Doppel-Atrium als „rheinische Sparkasse“. Kohl schließlich lässt das Gebäude nach seinem Geschmack umgestalten. Da ist es mit der Luftigkeit endgültig vorbei.

Und Ruf? Der kommt 32 Jahre nach seinem Tod 1982 zu der verspäteten Ehre, dass sein Bungalow das Kernstück des deutschen Beitrags bei der 14. Internationalen Architektur-Ausstellung 2014 in Venedig war. Immerhin: Fernab von Bonn weiß man die Gradlinigkeit zu würdigen.


Baujahr                                1964

Assetklasse                         Residential

Zweck                                  Wohn- und Repräsentationshaus des Bundeskanzlers 1964 – 1999

Adresse                               Adenauerallee 139, 53113 Bonn

Eigentümer                        Bundesrepublik Deutschland

Aktuelle Verwendung      Teil des Haus der Geschichte mit Dauerausstellung

Links                                    https://www.wuestenrot-stiftung.de/kanzlerbungalow/

 

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