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Geht der NextGen die Geselligkeit verloren? Networking in Zeiten von HomeOffice & Co. Ein face-to-face Interview

Remote Working, Flexible Office Space und Ruhe- sowie Kreativzonen im Büro – die neue Arbeitswelt hat uns bereits einiges an Unabhängigkeit von Schreibtisch und Büro gebracht. Und die neuen Möglichkeiten sind nicht nur Nice to Have, sondern mittlerweile unbedingtes Muss für die junge Generation. Die Talents der NextGen bestehen auf die Freiheit, selbst entscheiden zu können, wann und von wo sie arbeiten – Büro, HomeOffice, Café, auf Reisen oder gar über Landesgrenzen hinweg. Technisch ist es längst möglich und auch die Unternehmen selbst öffnen sich immer mehr dafür.

Was heißt das jetzt aber für den persönlichen Austausch im Büro oder mit Kunden und Geschäftspartnern übers Unternehmen hinaus? Gehen uns die „Small“ Talk Skills und die Fähigkeit, auch nebenher mal hilfreiche Zufallsbekanntschaften zu schließen, zwischen Laptop, Smartphone und Video-Konferenz langsam aber sicher verloren? Wie geht Networking im Zeitalter der Digitalisierung 4.0? Und wie fängt man als Neuling eigentlich mit dem Vernetzen an? Frederik Walbaum, Asset Management Analyst bei JLL und aktuell interimistischer Team Leader des Asset Management Operations-Teams, ist noch jung, aber schon erfahrener Netzwerker. Als aktives Mitglied der NeXtGen des German Council of Shopping Centers (GCSC) sowie Standortleiter der Berliner Immobilienjunioren blickt er über seine eigenen Unternehmenswände hinaus, knüpft Kontakte in alle Richtungen und ist regelmäßig auf Branchen-Events unterwegs. So auch Mitte Mai, als er JLL bei einer Podiumsdiskussion auf dem Deutschen Shopping-Center Forum in Düsseldorf vertrat. Wir haben es aber trotzdem geschafft, einmal mit ihm per Interview zu „networken“. Frederik Walbaum über Orchideen-Kontakte, Geschäftsgespräche per Whatsapp und die Frage, ob Netzwerken wirklich sein muss.

Frederik Walbaum, Asset Management Analyst
Kontakt

Du bist schon ein wenig länger mittendrin im Immobilienbusiness. Hat sich das Netzwerken in dieser Zeit verändert?

Ja, denn auch hier ist die Digitalisierung angekommen. Und somit spielt sich vieles mittlerweile online ab, beispielsweise das Nachbereiten persönlicher Begegnungen via Mail, LinkedIn, Xing & Co. oder das Organisieren von Networking Events und die Kommunikation drumherum. Das ist bequemer und kostet weniger Überwindung als der direkte Austausch face-to-face. Tatsächlich hilft die digitale Welt jedoch auch dabei, den Überblick zu behalten – in Echtzeit. Denn auch anderweitig hält man sich via Social Media stets indirekt auf dem Laufenden – über Jobwechsel, geteilte News etc. Als Kontakt reflektiert man somit stetig: Unterstützt man z.B. die online geteilten Inhalte der Kontakte oder nicht? Anhand dieser lassen sich vermeintliche Gemeinsamkeiten dann bestätigen oder eben verwerfen. Und gerade so findet man dann eben wieder Anknüpfungspunkte für eine Kontaktaufnahme oder manchmal auch Geschäftliches.

Was ist heutzutage wichtiger – persönliches Netzwerken von Angesicht zu Angesicht oder das digitale Vernetzen?

Hier führen nahezu alle Wege nach Rom. Networking, das „nur einen Mausklick“ entfernt ist, ist natürlich verlockend. Dennoch denke ich, dass der initiale Kontaktaufbau von Angesicht zu Angesicht erfolgen sollte. Denn Networking lebt vom Vertrauen der jeweiligen Personen. Und eben jenes lässt sich in persona einfacher aufbauen. Im Nachgang geht’s dann ins digitale Vernetzen – quasi die moderne Form des Visitenkartenaustausches. Denn die unterschiedlichen Kanäle geben noch viel mehr preis – z. B. aktueller Job, Position sowie Geburtstage etc. Und diese können sich als die idealen Aufhänger für Gespräche in der Zukunft darstellen. Viel wichtiger als das ‚wie?‘ ist jedoch das ‚wie oft?‘. Denn ein gutes Netzwerk lebt von guter Pflege. Kontakte sind wie Orchideen: Vernachlässigt man sie, gehen sie ein. Online ist es natürlich einfacher, den Kontakt aufrechtzuerhalten und Interesse zu bekunden. Das „Gefällt mir“ auf den Jobwechsel bzw. ein Kommentar zu hochgeladenen Bildern kann schon dabei helfen. In jedem Fall ist Networking keine Einbahnstraße, sondern basiert – neben der Pflege – auch auf Vertrauen und eben Geben und Nehmen.

Veranstaltungen, Xing, LinkedIn & Co. – wird es künftig sogar noch ganz andere Networking-Mittel geben?
Die Grenzen verschwimmen. Social Media lässt uns näher zusammenwachsen. Auch die Umgangsformen wandeln sich. Es gibt weniger von diesen „Chinese Walls“ mit langen Grußformeln und Höflichkeiten. Mittlerweile finden selbst erste Geschäftsgespräche per Whatsapp statt. The future is bright. Bei der Entwicklung der letzten Jahre würde es mich nicht wundern, wenn auch der Bereich des Networkings durch eine disruptive Technologie gänzlich gewandelt wird. Vielleicht fungieren Kontakte künftig auch mehr als neue Währung, weil sich der Mensch in einer digitalisierten Welt nach etwas Substanziellem sehnt.

Wie hält man die Waage zwischen substanziell analog und digital?

Ich persönlich finde es wichtig, dass man seine Komfortzone verlässt und sich nicht hinter dem Bildschirm versteckt, sondern gezielt zu Events mit Gleichgesinnten geht. Wobei es auch sehr erfrischend sein kann, über den Tellerrand zu blicken und in Events unterschiedlicher Branchen zu schnuppern. Gerne auch jenseits ursprünglicher Networking-Absichten – wie Vernissagen oder andere Get-together – selbst daraus sind schon Zweige meines heutigen Netzwerkes gewachsen. Auch hier mit Schnittstellen wieder hin zur Immobilienwirtschaft. Und irgendwie bringt sich die Waage auch von selbst immer wieder ins Gleichgewicht. Spannend sind die aktuellen Gegenbewegungen zur Digitalisierung, die zunehmend wieder ins Analoge führen. So waren wir mit der NeXtGen (GCSC) vor kurzem beispielsweise bei einer „ArtNight“ mit gemeinsamen Zeichnen. Der Erfolg dieses Konzeptes zeigt unseren wieder stärker wachsenden Wunsch, die Personen hinter den Mails und Posts mal wieder im ‚wahren Leben‘ zu sehen.

Ist das zunehmende ortsunabhängige Arbeiten förderlich fürs Networking oder kontraproduktiv?

Sehr förderlich. Zumindest in der Hinsicht, dass das eigene Netzwerk – auch aufgrund der häufigen Ortswechsel – schnell wachsen kann. Man kommt an den unterschiedlichsten Orten mit stets neuen Personen ins Gespräch, ob im Zug, Flugzeug, Café oder Coworking Space. Ich denke, auch das ist ein Grund für den Erfolg von Coworking Spaces wie „WeWork“ & Co. – die Gesellschaft hofft auf eben jene Inspiration durch das „grenzenlose“ Networking. Es gibt jedoch auch eine Kehrseite der Medaille: Denn während man an den unterschiedlichen Orten immer wieder Kontakte treffen kann, die in der dortigen Destination beheimatet sind, sollte man auch darauf achten, dass die Kolleginnen und Kollegen im eigenen Office nicht zu kurz kommen.

Ja, denn gerade als Business-Neuling ist man ja erstmal auf die direkten Kollegen angewiesen. Was macht man als „Greenhorn“, wenn man noch kein nennenswertes Netzwerk hat? Wann und wie fängt man an?

Aller Anfang ist schwer. Doch der Sprung ins kalte Wasser zahlt sich aus. Schnell laufen erste Fäden zusammen. Vor allem, wenn man diverse Veranstaltungsformate regelmäßig aufsucht. Wer sich diesen Kaltstart noch nicht ganz zutraut, der sollte sich gerne jemandem anschließen, der bereits das Format einer Veranstaltung bzw. erste Gäste kennt. Da lohnt sich vor allem der Gästelisten u. a. bei Xing-Events – für die Vorbereitung auf mögliche Themen und die eigene Sicherheit. Wann man damit beginnen sollte? So früh wie möglich. Denn gerade zu Anfang der Karriere finden Gespräche noch auf einer Ebene statt, auf welcher Business nur eine untergeordnete Rolle spielt. Man kann also anderweitig glänzen – unter anderem mit der frischen und unvoreingenommenen Sicht auf gewisse Dinge.

Kann eigentlich jeder von Natur aus Netzwerken? Kann man’s lernen?

Ich denke, es ist schon irgendwo eine Typ-Frage. Mir fällt es wohl deshalb tendenziell leichter, weil ich einfach interessiert bin am Menschen. Ich suche nicht unbedingt den nächsten Deal. Sondern mir geht es verstärkt um die Persönlichkeit und die Story dahinter. Alles andere ergibt sich von selbst. Das ist auch mein Rat: Seid interessiert. Habt ein offenes Ohr fürs Gegenüber. Denn prinzipiell erzählt jeder Mensch gerne von sich. Euer Interesse kann folglich nur einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Deswegen: Man kann die Networking-Basics insoweit lernen, indem man gewisse Grundsätze berücksichtigt. Über alles Weitere entscheidet, wie gesagt, eben auch die typeigene Kommunikationsstärke und die Fähigkeit, auf andere Menschen eingehen zu können.

MUSS Networking wirklich sein? Und muss es beim Networking immer nur ums Business gehen?

Gerade die Immobilienbranche ist ein „People Business“ – ein breites Netzwerk also in jedem Falle förderlich. Doch, wie gesagt, lassen sich die Events auch für einen allumfassenden Austausch nutzen. Denn den ganzen Arbeitstag lang geht’s ums Business bzw. die Immobilienwirtschaft. Beim Networking dürfen dann auch gerne mal die klassischen Themen wie Freizeit, Reisen, Kultur oder Ähnliches rausgeholt werden. Oder Exkurse in ganz andere Branchen und Bereiche. Eventuell gibt es dort Best Practice, welche man wiederum ins eigene Business übertragen kann.

Also: Bitte nicht nur Business. Es gibt so viel spannende Themen darüber hinaus.

Networking ganz persönlich – was war bisher deine beste Networking-Erfahrung?

Puh, das ist schwierig. Was heißt ‚beste‘…? Ein Format, das ich sehr gerne besuche, ist die „Moving“-Reihe des German Council of Shopping Centers. Dabei treffen ca. acht Juniors auf acht Seniors der Branche. In Speed Dating-Manier wechselt man dann alle zehn Minuten den Gesprächspartner oder die Gesprächspartnerin – allesamt sehr inspirierende Persönlichkeiten mit teilweise unglaublicher Expertise. Das Schöne ist, dass daraus zum Teil Mentorings gewachsen sind. Es ist einfach spannend, in welch unterschiedliche Richtungen sich diese kurzen Gespräche entwickeln können – vom Vorstellen des CVs bis hin zu den verrücktesten Partynächten in Berlin. Und diese Vielfalt ist der Vorteil eines ausgeprägten Netzwerkes bzw. der Bereitschaft, in alle Richtungen zu networken.

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