Retail

Die Rückkehr des Einkaufsbummels und ein paar Erinnerungen an die Jugend auf dem Land

Vor ein paar Wochen las ich im Handelsblatt: Generation Z entdeckt den Einkauf im stationären Handel wieder. Konsumenten unter 20 Jahren schätzen also wieder das Bummeln. Da ist sie also, die vielgerühmte Customer Experience, die derzeit als heiliger Gral gilt in der Strategie für den niedergelassenen Einzelhandel. Und mit leicht nostalgischen Erinnerungen an meine eigene Jugend muss ich sagen: Mich freut, dass sich die nächste Generation wieder auf das Stöbern vor Ort einlässt – für mich selbst war der Einzelhandel jedenfalls ein Stück Jugendkultur.

Als klassische „Mall Rat“, wie die Amerikaner halb liebevoll, halb abschätzig sagen, tauge ich freilich nicht. Immerhin bin ich in einer kleinen Ortschaft an der Mosel aufgewachsen, so ziemlich auf halber Strecke zwischen den beiden größeren Städten Koblenz und Trier. Ohne meine moselfränkische Herkunft mit Füßen treten zu wollen, kann man doch besten Gewissens sagen: mitten im Nichts. Große Einkaufszentren gab es dort nicht. Das Höchste der Gefühle war erst einmal der wöchentliche Familienausflug in die örtliche Globus-Niederlassung. Für mich als Kind selbst unerreichbar, da in einem anderen Ortsteil gelegen und mit dem Bus schlecht angebunden.

Vom kindlichen Trickser zum jugendlichen Käufer

Aber Not macht ja erfinderisch. Wo die Stadtkinder die Elektronikabteilungen der großen Warenhäuser heimsuchten, um die neuesten Konsolengames (und damit meine ich die vergleichsweise wenig glamourösen, uralten Videospielsysteme aus den Häusern Philips und Atari) mit dem durchaus fadenscheinigen Argument des „Produkttests“ stundenlang zu belegen, mussten wir auf dem Land schon einen gewissen Einfallsreichtum mitbringen. Eines unserer Opfer war ein kleines Elektronikfachgeschäft im Stadtkern. Leider ließ man sich dort kaum vom Vorwand der informierten Kaufentscheidung täuschen, vermutlich auch wegen der weit intensiveren Beobachtung durch den Händler. Nach zwei Spielmodulen waren wir definitiv durchschaut und des Ladens verwiesen. Trotz der Proteste meines Kindheitsfreundes – und seiner angedrohten Beschwerde mit stolzem Verweis auf seine Philips-Videospiel-Klubkarte. Was daraus wohl geworden ist? Ich persönlich jedenfalls habe in dieser Sache bis heute nichts von der Philips-Geschäftsführung gehört. Dennoch, mit der Weisheit des Alters – so mit 16 Jahren – konnte ich später doch die vergleichsweise geduldige Reaktion dieses braven Einzelhändlers schätzen und kaufte dort meine erste Musikanlage und sonstiges Musikzubehör. Mission Customer Experience also gelungen, wenn auch etwas verspätet.

Durch die halbe Stadt für eine Flasche Cola

Zu einem nicht unerheblichen Dreh- und Angelpunkt der Freizeitbeschäftigung wurde Retail für mich nach dem Wechsel aufs Gymnasium ein paar Orte weiter. Schnell hatte ich dort einen neuen Freundeskreis und so ab der Mittelstufe auch einen besten Kumpel. Bald verbrachte ich am Schulort also weit mehr Zeit als zu Hause. Und was wurde nach der Schule gemacht? Eingekauft! Okay, große Beträge gingen dabei nicht in die Kasse. Einfach nur der Trip zum Supermarkt. Aber nicht direkt vor der Tür, nein, wir wanderten rund zwei Kilometer durch das launige Touristenstädtchen, in dem sich unsere Bildungsanstalt befand. Nach den beschwerlichen letzten Höhenmetern (an der der Mosel ist eigentlich so ziemlich alles „am Hang“ gebaut) rein in den Laden, Getränke und was zum Naschen eingekauft, dann wieder zurück. Für jemanden, der in einer größeren Stadt aufgewachsen ist, sicher ziemlich eigenartig. Für uns aber eine Gelegenheit, etwas Zeit totzuschlagen und einfach nur zu quatschen.

Schier unendliche Einkaufswelten… mit der Ferienkarte

Dann die Sommerferien, im besten Jugendlichenalter von den Erziehungsberechtigten ausgestattet mit einer begrenzten Reisefreiheit. Der große Hit war für uns die Rheinland-Pfalz-Karte. Sie erlaubte Schülern, für kleines Geld sechs Wochen lang an jeden erdenklichen Ort des Bundeslandes zu fahren. Für uns hieß das meist Trier. Porta Nigra, Kaiserthermen… nein, wem will ich hier etwas vormachen. Obskure Plattenläden und die Musikabteilungen der großen Kaufhausketten. Daneben noch einige Bücherläden, die auch englischsprachige Originale führten. Und das bestimmt jeden zweiten Tag. Unser Portemonnaie ließ natürlich nicht zu, auch jedes Mal Geld dazulassen. Also wurde geschaut, gestöbert, diskutiert, da ist sie wieder, unsere Customer Experience. Und keine Angst, lieber Einzelhändler, bis zum Ende der Sommerferien hatten wir doch noch einen Großteil unseres Taschengeldes in die trierische Wirtschaft gesteckt. In Sachen Einkaufseffizienz war das, was wir da wochenlang getrieben haben, natürlich ein gewaltiger Unsinn – aber irgendwie vermisse ich unsere „retailgetriebenen“ kleinen Erlebnisreisen. Und reiche die Fackel gerne an Generation Z weiter. In der Hoffnung, dass uns der Einkauf als Freizeitkultur weiter erhalten bleibt.

Ähnliche Artikel

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.