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UNESCO-Welterbe: Bruno Taut, der Wohnraummangel und die Hufeisensiedlung

Der Mangel an Wohnraum ist kein neues und schon gar kein ausschließlich deutsches Phänomen, auch wenn die Schlagzeilen der Medien in Deutschland gegen Ende des zweiten Jahrzehnts im 21. Jahrhundert eine solche Vermutung nahelegen. Der seit Jahrhunderten währende Prozess der Urbanisierung wurde und wird immer wieder begleitet von sozialen Missständen, mit an vorderster Front die mangelhafte Versorgung der Bevölkerung, vor allem der Arbeiter, mit Wohnraum.

Mangelhafte Versorgung mit Wohnraum

Mit an Naturgesetze erinnernder Regelmäßigkeit sorgten und sorgen die Wanderbewegungen der Menschen in die Städte für eine Überforderung der Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Und das weltweit. Und zwar seit Jahrhunderten. Aktuell in China mit seinen zahlreichen Millionenstädten genauso wie in den USA, in Frankreich oder in Deutschland. Und fast zu allen Zeiten gab es immer wieder, wenn auch selten, schlüssige, architektonisch und stadtplanerisch überzeugende Antworten auf die mit dem Wanderdrang in die Städte verbundene vieldimensionale, an Komplexität kaum zu überbietende Sozial-Gemengelage – letztere nach dem Ende des Ersten Weltkrieges in Deutschland ausgelöst durch gewaltige Flüchtlingsströme und heimkehrende Soldaten, begleitet von hoher Arbeitslosigkeit und individuellem und kollektivem menschlichem Elend.

Aus dieser und ähnlicher Not geboren: die Industrialisierung des sozialen Wohnungsbaus in verdichteter Bauweise auf großflächigen Arealen, meist endend in Vorstadt-Tristesse, im Einzelfall aber auch mündend in eine noch nie dagewesene Formensprache der Architektur. Möglichst vielen Menschen sollte durch diesen Großsiedlungsbau ein humaneres Leben ermöglicht werden, denn in Berlin etwa im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts galt beispielsweise eine Einzimmerwohnung mit Küche, Bäder gab es in der Regel nicht, erst bei fünf Bewohnern als überbelegt. Ein überragend positives Beispiel eines in vielfältiger Hinsicht gelungenen Versuchs, den Wohnraummangel in dieser Zeit in Deutschland zu beseitigen, ist die Hufeisensiedlung im Berliner Ortsteil Britz, seit 2008 UNESO-Welterbe.

„Tautes Heim“ in einer Siedlung der Berliner Moderne

Diese Auszeichnung wurde der Hufeisensiedlung gemeinsam mit fünf anderen Berliner Wohnsiedlungen, subsumiert unter dem Titel „Siedlungen der Berliner Moderne“, zuteil. Immerhin vier dieser Siedlungen gehen in ihren Entwürfen auf Bruno Taut (geboren 1880 in Königsberg, gestorben 1938 in Istanbul) zurück, einem Vertreter des „Neuen Bauens“, dem mit „Tautes Heim“, einem denkmalgerecht restaurierten und im Stil der Zeit möblierten Ferienhaus, in der Hufeisensiedlung ein Denkmal der besonderen Art gesetzt wurde. Das Haus mit Garten und Terrasse verfügt über alle Original-Einbauten, Bauteile und Kachelöfen und wurde 2013 mit dem renommierten European Prize for Cultural Heritage sowie dem Berliner Denkmalschutzpreis, der Ferdinand von Quast Medaille, ausgezeichnet, wie in Wikipedia nachzulesen ist.

Die für Taut auch im Bereich der Innenräume typische Farbgebung erschließt sich dem Gast in faszinierender Art und Weise am und im realen Objekt. Denn Tautes Heim wird immer wieder seiner vitalen Bestimmung zugeführt und kann gemietet werden: Ab drei Nächte zu einem Grundpreis von 150 Euro/Nacht, eine fraglos interessante Alternative zur Übernachtung im Hotel. Immerhin bietet das zweigeschossige Gebäude Platz für bis zu vier Personen und ist mit allen öffentlichen Verkehrsmitteln in nur 20 Minuten zum Beispiel vom Berliner Hauptbahnhof erreichbar, mit Bus und Tram sogar ohne Umsteigen. Wer das Flair der von Taut geschaffenen architektonischen Leitbilder der Entstehungszeit der Hufeisensiedlung in der Zeit zwischen 1925 und 1933 unmittelbar erleben möchte, ist in diesem „trauten“ „Tautes Heim“ bestens aufgehoben.

Gartenstadtbewegung und Reformwohnungsbau

Neues Bauen, Reformwohnungsbau, Gartenstadtbewegung, Neue Sachlichkeit, ein im „Bauhaus“ gebündeltes Architektur-Vokabular, Lehr-Charakter inklusive, war prägend für Bruno Tauts Architektursprache, in der Hufeisensiedlung zu einem städtebaulichen Gesamtkunstwerk vervollkommnet durch die Mitarbeit des Architekten und späteren Berliner Stadtbaurats Martin Wagner sowie des Gartenarchitekten Leberecht Migge. Mit seinen Siedlungsentwürfen hat Bruno Taut, zusammen mit seinen kongenialen Kollegen, einen neuen Typ des sozialen Wohnungsbaus aus der Zeit der klassischen Moderne hinterlassen mit beträchtlichen Einflüssen auf die Entwicklung von Architektur und Städtebau insgesamt, zeitgemäß und problembewusst ein Machbares an Individualität in die zwangsläufige Typisierung hinüberrettend, dadurch den Bewohnern eine gewisse Heimeligkeit und idyllische Nähe bewahrend.

In der nur aus der Vogelperspektive als „Hufeisen“ zu erkennenden Siedlung in Britz mit ihrer überzeugenden Kombination aus Einfamilienhäuschen und Wohnanlage schuf sich trotz notwendiger Betonung urbaner Dichte in der architektonischen Konzeption auch die Gartenstadtbewegung Raum. Die Grünanlagen auf dem insgesamt 29 Hektar umfassenden Siedlungsareal, mittig innerhalb des vom Hufeisenriegel umschlossenen Freigeländes ein von Sträuchern, Büschen und Bäumen umsäumter Teich, „natürliches“ Relikt einer aus der Eiszeit zurück gebliebenen Grundwassersenke, wurden 2010 als Gartendenkmal eingetragen.

Ikone des modernen Städtebaus

Nicht von ungefähr gilt die Hufeisensiedlung des gesamtheitlichen Zusammenwirkens von Baukultur und Naturbelassenheit wegen als Ikone des modernen Städtebaus, ursprünglich auf den Weg gebracht und vorbereitet von genossenschaftlich organisierten Baugesellschaften, in ihrer Entstehung durchweg sozialdemokratisch inspiriert, die sich mit sozialreformerischen Engagement um neue Entwürfe eines gesellschaftlichen Miteinanders bemühten, im Baulichen zu sich selbst kommend und die heutigen Eigentümer und Bewohner zu vielversprechend vergemeinschaftenden Organisationsformen inspirierend. So bemüht sich der Verein „Freunde und Förderer der Hufeisensiedlung Berlin-Britz“ in vorbildlicher Art und Weise um den Erhalt des von Taut und Kollegen konzipierten Phänotypus.

In den Fußstapfen der Baugenossenschaften in der Hufeisensiedlung und als Erbe und Sachwalter einer sich fortschreibenden Ikonografie wiederum sieht sich auch die Deutsche Wohnen. Auf deren Website der Hufeisensiedlung findet sich denn auch der programmatische Satz: „Für die Deutsche Wohnen ist diese architekturhistorisch prägende Wohnanlage der Berliner Moderne auch heute noch ein wichtiger Maßstab für modernes Wohnen.“

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