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Urban Beekeeping: Shopping Center bietet Lebensraum für Millionen von Bienen

Wenn die Kunden des Darmstädter Luisencenters das Dach des Gebäudes betreten könnten, würden sie eine ziemliche Überraschung erleben. Die mit grauem Kiesel ausgelegte Fläche ist im Frühjahr 2019 acht Bienenvölkern zur Heimat geworden. Genauer gesagt, der Kärntner Biene, der Imker einen besonders sanftmütigen Charakter nachsagen.

Kein ganz unwichtiges Detail, immerhin ist das Shopping Center als Darmstädter Publikumsmagnet alles andere als die freie, unberührte Natur. Tausende Menschen sind dort unterwegs, kaufen ein und gönnen sich einen Kaffee oder ein Essen in der ansässigen Gastronomie. Bienenstiche – also der Insektenangriff, nicht der Kuchen – sollten da nicht zur Tagesordnung gehören. Tatsächlich funktioniert das Zusammenleben ganz hervorragend. Die Bienen verhalten sich ihrem Wesen gemäß ausgesprochen friedlich. Sie stechen überhaupt nur, wenn sie in Bedrängnis gebracht werden. Andernfalls haben sie kein allzu großes Interesse am Menschen, sondern sind immer auf der Suche nach der nächsten Blüte. Auch die Mitarbeiter des Luisencenters, die mit den sechsbeinigen Kollegen Berührungspunkte haben, berichten über ein ausgesprochen gutes Arbeitsverhältnis.

Millionen Bienen auf dem Dach

Jochen Wilhelm

Jochen Wilhelm, Senior Center Manager, JLL
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Wie viele Bienen nun genau auf dem Dach des Shopping Centers ein- und ausschwirren, lässt sich nur schätzen. Derzeit stellen die acht Stöcke jeweils eine Königin, rund 40.000 Arbeitsbienen und 8.000 Drohnen. Da ist noch viel Luft nach oben. Je nachdem, wie sich die Population entwickelt, könnten in Zukunft etliche Millionen Bienen zum inoffiziellen Mieter des Luisencenters werden.

Aber wie kommt die Carnica, der Kurzname der Imkerzunft für die betreffende Bienenart, überhaupt in diese ungewöhnliche Umgebung? Die Idee ging vom JLL Center-Management des Einkaufsstandorts aus. Jochen Wilhelm, der dort die Verantwortung trägt, war in seiner Berliner Vergangenheit bereits auf verschiedene „Urban Bees“-Projekte aufmerksam geworden: „Nachhaltigkeit nimmt in den JLL Unternehmenswerten eine zentrale Rolle ein. Daher sind wir für Themen wie das Bienensterben, das in den vergangenen Jahren viel Aufmerksamkeit bekommen hat, natürlich sehr sensibilisiert.“ Bei einer Dachbegehung fielen dem Shopping Center-Manager die großen freien Flächen auf, die sich bestens für die Ansiedlung von Bienenvölkern eignen. Ein gutes Projekt, gerade für die Wissenschaftsstadt Darmstadt, wo Ökologie stark in der Bevölkerung verankert sei, wie Wilhelm erklärt.

Erfahrener Hobbyimker unterstützt

Also ging der Shopping Center-Manager auf das Darmstädter Stadtmarketing zu, in der Hoffnung, auf diesem Weg den Kontakt zu geeigneten Imkern der Region herzustellen. Schneller war dann aber der glückliche Zufall: Es stellte sich heraus, dass es in den Reihen der technischen Dienstleister des Luisencenters einen engagierten Hobbyimker gibt: Michael Edelmann, Geschäftsführer der Firma Freshair. Er hatte in der Region schon einige ähnliche Projekte unterstützt und brachte so die nötige Erfahrung mit. Und später auch die Bienen, die ihre Heimat zuvor im hessischen Langen hatten, dem Standort von Edelmanns Unternehmens.

Honig für den guten Zweck

Dann ging alles recht schnell voran. Das Dach wurde noch einmal mit fachkundiger Unterstützung besichtigt und man fand einen geeigneten Platz für die Bienenstöcke. Wichtig ist, dass die Insekten eine ausreichende Anflugbahn haben. Dann folgte auch schon die Installation der Kästen für die acht Königinnen und ihre Völker. Und je nachdem, wie erfolgreich die Ansiedlung sich langfristig entwickelt, könnte es im Luisencenter auch bald hauseigenen Honig zum Verkauf geben. Der Erlös würde dann karitativen Zwecken zu Gute kommen.

Für Natur findet sich fast immer ein Platz

Das Bienenmodell Luisencenter, ein Vorbildprojekt auch für andere Standorte? „Ob es immer Bienenvölker sein müssen, da bin ich mir unsicher“, sagt Wilhelm. „Fest steht allerdings, dass es bei fast jedem Gebäude ungenutzte Flächen gibt, die unter Nachhaltigkeitsaspekten in einen ganz neuen Blickwinkel rücken. Wir selbst prüfen das Dach jetzt auch noch für die Installation von Solarzellen. Andere Optionen könnten zum Beispiel Begrünungen sein. Jedes Stück Natur, das wir in die Städte bringen, ist wertvoll.“

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