Corporate Real Estate | Workplace Strategy

Warum Unternehmen nicht mehr selbst über ihre Standorte entscheiden

Auf den ersten Blick erscheint die Überschrift reichlich gewagt. Warum sollten Unternehmen nicht selbst darüber bestimmen, wo sie in Zukunft ihre Headquarter oder kleineren Büros ansiedeln? Und wer sollte es denn bitte dann tun?

Aber bevor wir zu eben jenen kommen – war und ist Standortsuche und nicht schon immer fremdbestimmt? „Ob Einstieg in einen neuen Markt oder Konsolidierung, es gibt im Wesentlichen drei Hard Facts, die bei der finalen Standortentscheidung seit jeher eine entscheidende Rolle spielen“, sagt Natalie Wehrmann, Teamleader Consulting Corporate Solutions bei JLL. „Zum einen ist das die physische Nähe zu den relevanten Zielgruppen und Partnern, seien es Kunden, Lieferanten oder auch branchennahe Unternehmen. Denn auch im Zeitalter des Internets und Social Media ist direkter Austausch ein wichtiger Innnovations- und Wachstumstreiber.“

Mindestens genauso wichtig sind Infrastruktur und die Möglichkeit zur Außendarstellung. „Wie kommen meine Mitarbeiter und Kunden zu mir? Bietet mir der Standort die Möglichkeit, mich im Markt zu präsentieren? Das sind die weiteren grundlegenden Fragen, die sich Unternehmen stellen“, so Wehrmann weiter. „Daneben sind Standortentscheidungen aber auch immer ein Stück weit emotional getrieben. Auch historische Wurzeln können entscheidend sein, wenn sie ein relevanter Bestandteil der Unternehmensidentität sind. Akzeptanz dafür wird jedoch nur geschaffen, wenn die Entscheidung auf objektiven und nachvollziehbaren Kriterien aufbaut.“

Die Lage ist und bleibt auch weiterhin Einfluss- und Erfolgskriterium No. 1 für Immobilienperformance und Unternehmenserfolg. Aber spätestens seit der amerikanische McKinsey-Direktor Ed Michaels 1998 in seiner Studie den Begriff „War for Talents“ prägte, spricht ein weiterer Faktor das Machtwort zwischen guter und schlechter Lage: Wo sind die High Potentials, die jungen, gut ausgebildeten Fachkräfte, die ein Unternehmen voranbringen und mit Innovationen „versorgen“? Diese Frage hat sich in den letzten Jahren rasant zu einer der wichtigsten und zukunftsentscheidenden Standortfragen überhaupt entwickelt.

Young Talents geben klar die Richtung vor

Vorbei sind die Zeiten, als die jungen Jobnachfrager Schlange standen und willig dorthin pilgerten, wohin man sie rief. Heute sind qualifizierte Mitarbeiter knapp – besonders die junge, gut ausgebildete Generation, die die Baby-Boomer bald auf dem Arbeitsmarkt abgelöst haben wird. Wo sich früher um die Jobs gestritten wurde, umgarnen nun die Unternehmen. Die unter 40-Jährigen suchen sich, was ihnen gefällt.

„From location, location, location to talent, talent, talent.”
Matthijs Weink, Head of Business Location Consulting JLL EMEA

„Kandidaten wollen nicht mehr nur wissen, was sie tun müssen. Sie stellen – und das auch zu Recht – mehr Ansprüche über die reine Arbeitskraft hinaus und fordern vor allem individuelle Wertschätzung und aktives Mitgestalten“, sagt Katharina Steffen, Recruiterin bei JLL. „Das Bewerbungsgespräch ist längst zu einer Begegnung auf Augenhöhe geworden. Nicht nur die Kandidaten präsentieren sich, sondern auch wir als Unternehmen müssen uns positionieren. Was zeichnet uns als Arbeitgeber aus? Was unterscheidet uns von anderen Unternehmen? Personalmarketing ist so wichtig wie nie.“

Und das sollte niemand unterschätzen. Denn nur eine Handvoll an Unternehmen befindet sich in der Luxus-Situation, Talente allein aufgrund ihrer Markenstrahlkraft anzuziehen – selbst wenn der Standort nicht ganz dem Wunschort der Mitarbeiter-Zielgruppe entspricht. „Klassisches Post and Pray, Stelle schalten und die Bewerbungen flattern rein, funktioniert nicht mehr. Unternehmen müssen früh aktiv auf interessante Talente zugehen und das Unternehmen etwa durch Case Studies, Vorträge, Messeauftritte erlebbar machen. Immer entscheidender werden auch die sozialen Netzwerke“, so Steffen.

Um für die junge Generation attraktiv zu sein, wird auch die Lage der Büroimmobilie immer wichtiger, und hier vor allem Zentralität. „Auch Hochschulabsolventen sind nicht mehr unbedingt bereit, für die Wunschposition überall hin zu ziehen. Ein gewisses Umfeld mit ausreichend Freizeitangeboten und junger Lebensqualität ist entscheidend.“ Angetrieben durch die Re-Urbanisierung entsteht eine neue Talente-Landschaft, die vor allem die großen Ballungsräume und City-Zentren im Auge hat.

Wo sind die Europa Hot Spots der Young Talents?

Doch auch nicht irgendwelche City-Zentren. Top-Cities vereinen im Wesentlichen drei entscheidende Dinge: Sie verkörpern und nähren den neuen vibrierend-kosmopolitischen Lifestyle durch eine rege Künstlerszene, moderne Gastronomie, Freizeitangebote und Events – zum großen Teil angepasst auf junge, gebildete Singles. Sie atmen Toleranz, sind offen für Inklusion und fördern aktiv internationale Vielfalt und damit auch einen internationalen Talente-Mix. Und sie sind dynamisch, ziehen Innovationen an und gehen technologischen Wandel und Megatrends gezielt und innovativ an.

„Genau dieser Mix ist es, der die Young Professionals anzieht, die über den Tellerrand schauen. Die offen sind für Unbekanntes und Ungewöhnliches. Die fähig sind, mit Menschen über Grenzen hinweg zusammenzuarbeiten. Und die wissen, wo sie hin wollen. Unternehmens-Diversity geht in letzter Konsequenz nur in einer facettenreichen Stadt”, sagt Katharina Steffen.

Europas zukunftsfähigste Metropolen sind weiterhin London mit seiner Coolness und Stärke im Bildungs- und Technologie-Sektor sowie Paris, das mit “Grand Paris” gerade eines der weltweit ambitioniertesten Infrastrukturprojekte gestartet hat. Stark im Kommen sind aufgrund ihrer modernen Offenheit und Tech-Affinität auch die skandinavischen Hauptstädte Stockholm, Helsinki und Kopenhagen. In Deutschland ziehen vor allem Berlin, München und Stuttgart Menschen und Investitionen an.

Auch die Städte sind gefordert

Städte, die wettbewerbsfähig bleiben wollen, müssen für einen ausreichenden und vielversprechenden Pool an Talenten sorgen. Aktive Förderung von Bildung und Kultur, das Schaffen einer innovativen Startup-Szene und die Besinnung auf Nachhaltigkeit sind dabei mindestens genauso wichtig wie die Fähigkeit der Lokalpolitik zur engen Kooperation mit übergeordneter Regierung und der Wirtschaft – gerade im Hinblick auf Budget- und Ressourcenfragen.

„Um attraktiv für die Big Player zu sein, müssen Städte vor allem auf Internationalität setzen. Das fängt bereits beim Angebot an und in Schulen sowie entsprechender Kinderbetreuung an“, ergänzt Natalie Wehrmann. „Auch interkulturelle Events und Festivals stärken ein weltoffenes Image.“

Hinzu kommen über all dem auch die stadtplanerischen Aspekte. Wer Menschen und Unternehmen anziehen will, muss gerade in den zentralsten Lagen für ausreichendes Immobilienangebot, Bauland und Möglichkeiten zur Verdichtung sorgen. Natalie Wehrmann: „Hier kommt es vor allem auf ein ansprechendes „Look and Feel“, eine hochwertige Quartiersentwicklung an. Das heißt Leben schaffen durch den Mix aus Wohnen, Gastronomie, der Ansiedlung junger, frischer Unternehmen und Orten für Begegnung.“

Der Kampf der Standorte wird vor allem auch mit den Mitteln der Kommunikation ausgetragen. Vorteile und Initiativen müssen gezielt und gekonnt vermarktet werden – und zwar weniger faktenlastig als bisher, sondern vor allem emotional. „Was nicht nur für die Städte, sondern auch für die Unternehmen im War of Talents gilt“, sagt Katharina Steffen. „Denn neben „Werbung“ für die Stelle und sich selbst sollte auch der eigene Standort in den Fokus der Talente-Ansprache rücken.“

„Städte müssen sich vor allem eines immer wieder vor Augen führen“, betont Natalie Wehrmann. „Standortentscheidungen führen letztendlich zu einer langfristigen Bindung. Daher ist die städtische Entwicklung und Perspektive auch für Unternehmen äußerst relevant. Städte, die sich aktiv mit den Bedürfnissen der Unternehmen auseinandersetzen, werden im Vorteil sein.“

Richtig liegen im Standort-Puzzle

Unternehmen müssen auf ihre Mitarbeiter hören – weil sie mehr denn je auf sie angewiesen sind. Doch reicht es nicht, nur auf die aktuellen Trends und Entwicklungen zu schauen. Standortentscheidungen sollten vor allem für die Zukunft, mindestens für die nächsten zehn Jahre getroffen werden. Natalie Wehrmann: „Sorgfältige Planung, Minimierung von Risiken und eine tiefgehende Analyse des eigenen Ist- und Soll-Zustandes sind der einzige Weg für langfristig tragbare Entscheidungen. Neuer Standort und Immobilie müssen zu Geschäftsstrategie und Unternehmenszielen passen. Hier alle losen Enden logisch zusammen zu binden und richtig zu analysieren, braucht Zeit und objektive Beratung von außen.“


JLL Corporate Solutions berät Unternehmen strategisch zu Standortentscheidungen – im Rahmen von M&A-Aktivitäten, mit dem Ziel Talente anzuziehen oder sich einen bestimmten Cluster anzuschließen.

Kontakt:

Andreas Bussas
Head of Corporate Solutions
Tel +49 69 2003 1163
Andreas.Bussas@eu.jll.com

Ähnliche Artikel

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.